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Der französische Philosoph Gabriel Marcel (1889-1973) war ein führender Vertreter des christlichen Existentialismus. Seine Schrift „Der Mensch als Problem“ aus dem Jahr 1956 hat die menschliche Unruhe und die menschliche Existenz zum Thema.

„Der Unruhige wird als solcher fast unvermeidlich misstrauisch. Gewiss misstraut er zunächst sich selbst, aber dieses Sich-selbst-Misstrauen muss unweigerlich auf die Dauer das Misstrauen gegen den Nächsten nach sich ziehen.“

Anders ausgedrückt: Diese Unruhe führt laut Marcel im Menschen zu dunklen, zu negativen Gedanken, die ihn vom Leben entfremden. Folge davon ist eine bei sich selbst spürbare Unsicherheit, verbunden mit einem daraus übertriebenen Sicherheitsbedürfnis, sowie ein Misstrauen gegenüber dem Nächsten, selbst gegenüber dem Allernächsten, u.a. im eigenen Familienhort, frei nach dem psychoanalytischen Gemeinplacet: Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.

Es gibt zahlreiche Bücher über das Thema der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Narzissmus ist zur Modediagnose geworden. Nicht nur Personen, ganze Gemeinschaften werden als narzisstisch bezeichnet. Ist man betroffen, gemeint ist hier, in Gesellschaft mit diesen Personen verbunden, bieten Psychotherapeuten Hilfe an mit dem Hinweis auf leider nur zwei Möglichkeiten, um der von den narzisstischen Menschen verursachten ungesunden Manipulation zu entfliehen, entweder sich ihnen im wahrsten Sinne des Wortes zu beugen, also in vor-moderner Wortwahl typisiert zu unterwerfen oder zweitens jeden Kontakt mit diesen Menschen einzustellen, die Schaffung größter Distanz in physischer und in emotionaler Hinsicht.

Vielleicht gibt es eine dritte Option. Gabriel Marcel zeigt es uns mit seinem christlich geprägten Hintergrund und seinem philosophisch existenzialistischen Ansatz, der Geworfenheit des auf sich allein gestellten Menschen in die Welt hinein: Karunâ! Dem Mit-Leiden, der höchsten aller Tugenden, dem sympathischen Mitempfinden am Leid oder Schicksal der Menschen und aller anderen Lebewesen - Om mani padme hum !

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Kürzlich bei einer Literaturverfilmung, musste ich an meine frühsten Leseerfahrungen zurückdenken, deren Anfänge ich sehr verschwommen wahrnahm, jedoch so erinnerungsstark wurden, dass ich meine alten Karl May Bücher hervorkramte auf der Suche nach Winnetous Sterbeszene:

„Noch immer lag der Apatsche bewegungslos. Die braven Railroaders, die sich so wacker gehalten hatten, und die Settlers mit den Ihrigen bildeten um uns stumm und tief ergriffen einen Kreis. Da endlich schlug Winnetou die Augen auf.

‚Hat mein guter Bruder noch einen Wunsch?‘ wiederholte ich.

Winnetou nickte und bat leise:

‚Mein Bruder Scharlih führe die Männer in die Gros-Ventre-Berge! Am Metsur-Fluß liegen solche Steine, wie sie suchen. Sie haben es verdient.‘

‚Was noch, Winnetou?‘

‚Mein Bruder vergesse den Apatschen nicht. Er bete für ihn zum großen, guten Manitou! – Können diese Gefangenen mit ihren wunden Gliedern klettern?‘

‚Ja‘, meinte ich, obgleich ich sah, wie die Hände und Füße der Settlers unter den schneidenden Fesseln gelitten hatten.

‚Winnetou bittet sie, ihm das Lied von der Königin des Himmels zu singen!‘

Ich trug den Männern die Bitte des Apatschen vor, und sogleich winkte der alte Hillmann. Sie erklommen einen Felsenabsatz, der zu Häupten Winnetous hervorragte, um den letzten Wunsch des Sterbenden zu erfüllen. Seine Augen folgten ihnen und schlossen sich dann, als die Männer oben standen. Er ergriff meine beiden Hände und hörte nun das ‚Ave Maria‘:

 

‚Es will das Licht des Tages scheiden;

nun bricht die stille Nacht herein.

Ach könnte doch des Herzens Leiden

so wie der Tag vergangen sein!

Ich leg‘ mein Flehen dir zu Füßen;

o trag’s empor zu Gottes Thron,

und laß, Madonna, laß dich grüßen

mit des Gebetes frommen Ton:

Ave Maria!‘

 

Als nun die zweite Strophe anhob, öffneten sich langsam seine Augen und richteten sich mit mildem lächelnden Ausdruck zu den Sternen empor.

Dann zog Winnetou meine Hände an seine matt atmende Brust und flüsterte:

‚Scharlih, nicht wahr, jetzt kommen die Worte vom Sterben?

Ich konnte nicht sprechen. Ich nickte weinend, die dritte Strophe begann:

 

‚Es will das Licht des Lebens scheiden;

Nun bricht des Todes Nacht herein.

Die Seele will die Schwingen breiten;

Es muß?, es muß gestorben sein.

Madonna, ach, in deine Hände

Leg‘ ich mein letztes, heißes Flehen:

Erbitte mir ein gläubig Ende

Und dann ein selig Auferstehn!

Ave Maria!‘

 

Als der letzte Ton verklungen war, wollte Winnetou sprechen – es ging nicht mehr. Ich brachte mein Ohr ganz nahe an seinen Mund, und mit der letzten Anstrengung der schwindenden Kräfte flüsterte er:

‚Scharlih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Leb wohl!‘

Es ging ein Zucken und Zittern durch seinen Körper, ein Blutstrom quoll aus seinem Mund. Der Häuptling der Apatschen drückte nochmals meine Hände und streckte seine Glieder. Dann lösten sich seine Finger langsam von den meinigen – er war tot –“

Karl May, Winnetou

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Nichts beginnt zu der Zeit, zu der man es glaubt.

Ob Schule oder Universität, die Wissensgebiete sind in Lehre und Forschung getrennt, in Fächern und Fakultäten, in Natur- und Sozialwissenschaften zum Beispiel.

Spannend wird es bei den Schnittmengen, die erkennbar sind in Sätzen wie oben: „Nichts beginnt zu der Zeit, zu der man es glaubt.“ Spannend ist auch so ein Schnittmengenwort. Bezeichnet es doch die Spannung zwischen zwei Polen, zwei Enden im physikalischen Sinne. Aber auch im psychologischen Sinne wie: die angespannten Nerven, typisch die Spannung in der Kriminalliteratur, in der Filmwissenschaft.

Zurück zum Anfang: Wenn eine Liebe beginnt, beginnt sie früher als es der Anschein offenbart. (Das macht übrigens die ‚Liebe auf den ersten Blick‘ so spannend.) Wenn ein Krieg ausbricht, beginnt er früher als mit dem ersten Schuss. Wenn das Klima sich verändert, beginnen die Umweltschäden früher, nicht erst mit dem ersten Kipppunkt. Die Liste der Beispiele ist unendlich, lange bevor, nein, nachdem das Ende erreicht ist.

„Dass Federn den Vögeln beim Fliegen helfen und eine Lunge den Tieren das Leben an Land ermöglicht, ist allgemein bekannt. Solche Vorstellungen sind logisch, naheliegend und - falsch. Das wissen wir schon seit über einem Jahrhundert.

Das gar nicht so geheime Geheimnis lautet: Biologische Neuerungen entstehen nie im Laufe der großen Umwälzung, an die sie gekoppelt sind. Die Federn entstanden nicht während der Evolution der Flugfähigkeit, und ebenso wenig entwickelten sich Lunge und Gliedmaßen während des Übergangs vom Wasser zum Land. Und nicht nur das: Diese und andere große Revolutionen in der Geschichte des Lebens hätten sich auch nicht auf andere Weise abspielen können.

Große Veränderungen mussten nicht darauf warten, dass viele Erfindungen gleichzeitig stattfanden. Sie kamen vielmehr dadurch zustande, dass alte Strukturen neuen Verwendungszwecken zugeführt wurden. Innovationen haben Vorläufer, die weit in der Vergangenheit zurückreichen. Nichts beginnt zu der Zeit, zu der man es glaubt.“

Neil Shubin, Die Geschichte des Lebens: Vier Milliarden Jahre Evolution entschlüsselt

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Der Schriftsteller Jurek Becker (1937-1997) schrieb Romane (Jakob der Lügner, Amanda herzlos und weitere), Erzählungen, Filmdrehbücher (Liebling Kreuzberg) und Essays. Christine Becker, mit der Jurek Becker seit 1986 verheiratet war, gab 2018 das Buch „Am Strand von Bochum ist allerhand los“ heraus. Jurek Becker verfasste im Laufe der Jahre sehr viele Postkarten vor allem an seine Familie, aber auch an seine Freunde.

Im Vorwort heißt es, „In allererster Linie lag Jurek Becker daran, den Postkartenleser mit Minuten-Amüsements zu versorgen. Das Schreiben von Postkarten war für Jurek Becker eine Art der Verständigung, die ihm einerseits Sprachspielerei und Albernheiten erlaubte – und ihm andererseits die Möglichkeit gab, Zuwendung zu zeigen, ohne allzu viel von sich selbst preisgeben zu müssen. In Zusammenhang gebracht, erzählen Jurek Beckers Postkarten letztendlich, ob gewollt oder nicht, viel von seiner Persönlichkeit und seinem Leben, geben Auskunft über Vorlieben und Leidenschaften, ganz besonders aber über die ihm sehr eigene Art, die Liebsten aufzuheitern und sie über Trennungen hinwegzutrösten.“

So sind Jurek Beckers Mitteilungen, meist von unterwegs, als fotografische Nachbildungen (Faksimiles) der Postkartenvor- und Rückseiten und zusätzlich der Lesbarkeit halber als maschinengeschriebene beiliegende Drucke 2018 öffentlich gemacht worden - ein Unikat in dieser Form.

Hier einige Beispiele, die den Humor und den Witz des viel zu früh verstorbenen Schriftstellers Jurek Becker bereits in der Anrede erkennen lassen:

Du liebes Eisbein   Sehr geehrter Bratklops   Allahliebste Kerstin   Du alter Klettverschluss   Du alte Pudelmütze   Du alte Nebenabsprache   Du altes Gegengewicht    Du Schneller Brüter   Du heiliger Strohsack    Du rauschende Ballnacht   Du kosmische Strahlung   Du altes Sicherheitsrisiko

 

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Die schrecklichen Bilder des Terroranschlages vom 11. September 2001 nannte der Komponist Karlheinz Stockhausen damals ein Kunstwerk. Die rein ästhetische Anschauung blendete all den Schmerz, die Trauer, die Ängste aus. Abgesehen von einer individuellen Auffassung, was denn nun schön und erhaben ist, empörte es viele Menschen.

Heute wird Charles III. in London zum König gekrönt. Da damit in der Regel ein Generationenwechsel vollzogen wird, wird man selten mehrmals Zeitzeuge solch einer historischen Zeremonie.

Im Vorfeld sind viele ablehnende Äußerungen bekannt geworden: Allgemein unnötig, viel zu teuer, unzeitgemäß usw. Abgesehen davon, dass für jedes dieser Argumente ein Gegenargument benannt werden kann: Vernachlässigt bei einer Beurteilung des heutigen Ereignisses werden die emotionalen Aspekte.

Sicher, nur um ein Beispiel zu nennen, man kann auf Reisen gehen und die Befürchtung haben, die verlassene Behausung werde unbewohnt ausgeraubt werden. Bei diesem willkürlichen, aber auch bei ähnlichen Beispielen ist das Glas Wasser stets halb leer, niemals halb voll. Wenn man will, kann man jede Situation, jeden Aspekt des Lebens ohne Ausnahme negativ betrachten und sich das Leben schwer machen. Die Krönung so einer Lebensperspektive: Warum leben, wenn es mit dem Tod endet. Nur schade, da auf diese Weise der Gefühlshaushalt nur noch mit Negativ-Emotionen überflutet wird.

Die heutige royale Veranstaltung in Großbritannien wird wohl von drei Gruppierungen medial begleitet werden: Menschen, die sich an den fantastisch-märchenhaften Bildern erfreuen, die große Gruppe der Gleichgültigen und Desinteressierten - keineswegs unsympathisch, ;-). Und die letzte, die dritte Gruppe. Soziologen wissen, es sind sehr oft die Armen, die den Ärmsten helfen, nicht die Reichen. Und es sind vielfach die sogenannten gut Etablierten und eben nicht die Habenichtse, welche solche Fernsehbilder am heutigen Tag nur schwer ertragen können, beseelt von einem disharmonischen Dreiklang aus Missgunst, Empörung und Neid.

Schönheit & Schauder erregende Gefühle, nicht wie eingangs beschrieben, hier haben sie einen genehmen Platz im Fernsehsessel, besser allerdings lediglich am Katzentisch – am besten jedoch: Abschalten. Am allerbesten: Seele abschalten. Wie gesagt „Entspannt Euch!“, siehe oben Eintrag vom 2. Mai,  ;-)

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Ein interessantes Interview mit dem Vogelexperten Karl Schulze-Hagen über die Geschichte der Ornithologie gelesen – darin die Aussage, traurigstes Beispiel von Naturzerstörung, hier Vogelsterben, sei der Artentod der Wandertaube gewesen, „ … um 1865 war sie mit etwa vier Milliarden Exemplaren noch die zahlenreichste Vogelart der Welt. Innerhalb von 50 Jahren ging der Bestand auf null herunter. Ausgerottet. Das muss man erst mal hinkriegen.“

Das hat mich an das Buch „Der Wanderfalke“ von J.A.Baker erinnert, welches wiederum der Filmregisseur Werner Herzog in seiner Autobiographie „Jeder für sich und Gott gegen alle“ als die schönste Prosa, der er je gelesen habe, bezeichnet hat. Hier ein Auszug - aus dem „Wanderfalken“:

„Um von einem Wanderfalken erkannt und akzeptiert zu werden, muss man stets dieselbe Kleidung tragen, denselben Weg gehen, in seinen Bewegungen dieselbe Abfolge beibehalten. Wie alle Vögel fürchtet er das Unvorhersehbare. Am besten betritt und verlässt man jeden Tag zur selben Zeit dieselben Felder und beschwichtigt das Wilde im Falken mit Verhaltensritualen, die ebenso unveränderlich sind wie seine.

Man verbirgt den Schimmer der Augen, verhüllt das weiße Zucken der Hände, bedeckt das nackte, glänzende Gesicht und wird still wie ein Baum. Ein Wanderfalke fürchtet nichts, das klar erkennbar und weit von ihm entfernt ist. Am besten man nähert sich ihm über offenes Gelände in steter, immer gleicher Bewegung. Man lässt seine Silhouette wachsen, ohne die Konturen zu ändern. Ein Versteck nutzt man nur, wenn es perfekt ist.

Man geht allein. Auffälliges Menschentum sollte man beschränken, die feindseligen Augen der Bauerhöfe meiden. Man muss lernen, zu fürchten. Gemeinsam etwas zu fürchten, ist das stärkste Band, das es gibt. Der Jäger muss das werden, was er jagt. Das, was ist, der gegenwärtige Moment, muss die bebende Stärke des in den Baum bohrenden Pfeils haben. Gestern ist matt und monochrom. Vor einer Woche waren wir noch nicht einmal geboren. Ausharren, aushalten, folgen, sehen.“

J.A. Baker, Der Wanderfalke

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Die Anzahl allein an sogenannter Ratgeber Literatur, wie das eigene Leben „schön & glücklich“ gelingen könne, ist riesig und unübersichtlich. Aufmerksam machen möchte ich daher auf das Buch von Michael Schmidt-Salomon „Entspannt Euch!“, 159 Seiten, in der Taschenbuchausgabe für 11,00 € im Buchhandel erhältlich.

Auf dem Klappentext heißt es „Ein Weisheitsbuch für das 21. Jahrhundert“. Derartige Werbung, unauffällig übertrieben, kann schnell nach hinten losgehen. Slogans, wie „Weich & Reißfest“ bei Papiertaschentücher Werbung sind nämlich, das Werbeprodukt betreffend und beim Beispiel bleibend eben nicht weich UND reißfest. Typisch und sehr aktuell auch die Modeäußerung: „Alles gut!“. Ja eben nicht, will man erwidern. Ist doch ganz oft gemeint „Frag‘ nicht weiter, lass mich jetzt mal schön in Ruhe!“

Im Untertitel: „Eine Philosophie der Gelassenheit“: Michael Schmidt Salomon ist promovierter Philosoph, sein Buch richtet sich jedoch nicht an das sogenannte Fachpublikum, auch nicht an „Hinz & Kunzt“, aber an „Du & Ich“. Passt also.

Inhaltlich passend sind auch solche Sätze: „Eine neue Leichtigkeit des Seins, so wie wir lernen zu ertragen, was wir nicht verändern können, und zu verändern, was wir nicht ertragen müssen.“ Die erhoffte Gelassenheit, welche der Autor meint, hat dann aber doch eine Voraussetzung: Das Loslassen können vom eigenen Selbst.

Sprache ist nicht nur unser, des Menschen, primäres Kommunikationsmittel. Sprache ist auch Ausdruck unserer Gedanken, unserer Emotionen und unseres gesamten Seelenlebens. Entscheidend neben dem Wie ist dabei das Was.

Wer jeden Satz, jede Äußerung seiner verbalen Unterhaltung mit dem Wort Ich und mit den „kleinen Brüdern und Schwestern“ mir, mich, meins …. füllt, dem misslingt das oben genannte, dem Leben dienende und gelingende Loslassen. Schade drum – ist dann halt so, nur ein zusätzlich verbleibender "Ichling" bis auf Weiteres unter dem Himmel.

Schlussfolgernd: Das Buch enthält keine anstrengenden Leibes- oder Seelenübungen. Für Entspannung allein sorgt dieses Lesen vom Selbst, Nachsicht bitte: diese Lektüre von selbst.

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Jetzt, wo jedes morgendliche Aufwachen im Hellen geschieht, die lebendigen Vogelstimmen das Aufstehen erleichtern, sei frühlingshafte Hybris bei Erkennung meiner Selbst während dieser Portraitbeschreibung erlaubt, beim lebensfrohen Tanz auf dem Vulkan, nein, beim 1. Mai - Tanz, überschwänglich:

„Er lebte ohne Ehefrau und Kinder, hatte aber Geliebte. Ihn hielt kein Amt, kein Beruf. Kein Zeitgenosse konnte ihm jetzt etwas vormachen. Die Ausbildung an der Universität hatte er zu seinem Vorteil abgeschlossen, er war im Besitz einer Philosophie, die er aus eigenen Kräften entwickelt hatte. Aus dieser Zuversicht und Treue zu sich selbst sprach eine enorme Selbstsicherheit.

In seinen Worten gesagt: ‚Ohne alle Aufmunterung von außen hat die Liebe zu meiner Sache ganz allein, meine vielen Tage hindurch, mein Streben aufrecht gehalten und mich nicht ermüden lassen: mit Verachtung blickte ich dabei auf den lauten Ruhm des Schlechten. Denn beim Eintritt ins Leben hatte mein Genius mir die Wahl gestellt, entweder die Wahrheit zu erkennen, aber mit ihr Niemanden zu gefallen; oder aber, mit den Andern das Falsche zu lehren, unter Anhang und Beifall; mir war sie nicht schwer geworden.‘

Eine außergewöhnliche Eigenliebe paarte sich mit einem Sendungsbewusstsein historischen Ausmaßes. Deutschland, Frankreich und der Rest der Welt mochte verwirrend, ein Ort von Krieg und Leid und in ständiger Veränderung begriffen sein, er jedoch hatte ihr Grundprinzip entdeckt, die Kraft, die sie am Laufen hielt. Wie ein Sieger muss er sich gefühlt haben, ein junger N., der wusste, wie Schlachten zu gewinnen waren. Jetzt fehlte nur noch die Anerkennung der Zeitgenossen. Auf sie musste er lange warten.

Seine Philosophie war nicht nur Theorie, aus der sich kein unmittelbarer Nutzen für den Alltag ziehen lassen würde, wie bei F. W. Sch.. In praktische Ratschläge übersetzt, lief sie auf eine Sammlung von Aphorismen zur Lebensweisheit hinaus. Einen solchen Leitfaden für die etwas schwerfälligen Mitbürger, die das umfangreiche erste Werk kaum beachtet hatten, legte er mit Erfolg im Alter vor. Damals war er 63 Jahre alt. Gedanken knapp zu fassen und handlich darzubieten war eine Lesehilfe.“

Eberhard Rathgeb, Die Entdeckung des Selbst

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In der Magazinbeilage der Süddeutsche Zeitung erscheint jede Woche in der Freitagsausgabe die Rubrik „Gute Frage“. Besonders angesprochen hat mich heute dieser Satz: „Ihre Gäste werden ihnen Dinge erzählen können, die ihre Welt größer machen.“ Die eigene, ach so kleine Ego-Welt, die im Leben erbärmlich winzig bleiben wird, wenn die Fähigkeit, die Bereitschaft, die Neugier fehlt, den selbstbezogenen Blick vom eigenen Nabel in die nahe und auch die ferne Umgebung zu heben. Um z.B. auf Mitmenschen zuzugehen, ihnen zuzuhören, die eigenen Ansichten im Miteinander zur Diskussion und mitunter auch mal in Frage zu stellen. Die aktuelle Frage mit der nachfolgenden Antwort:

„Eine neue Kollegin fragt mich ständig, wann ich sie und ihren Mann zum Essen einlade, sie habe gehört, ich koche gut. Vorausgegangen war zugegebenermaßen ein Gespräch, bei dem ich etwas wie 'Najawirkönnenjamalzusammengrillen' gesagt habe. Auch meinen Mann konfrontiert sie mit dieser Frage. Wir fanden die beiden sympathisch, aber diese Penetranz hat uns die Lust auf einen solchen Abend und weiteren Umgang verdorben.

Wir würden unsere Einladungen gerne selber aussprechen und uns nicht dazu ‚zwingen‘ lassen, möchten sie aber auch nicht mit einem klaren Nein vor den Kopf stoßen. Die beiden sind aus Iran und haben wohl noch nicht viele Kontakte hier. Ich bin so weit zu versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen.“ Antonia U., Leonberg

Johanna Adorján: „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, Drehbücher zu schreiben? Sie haben auf jeden Fall eine große Begabung für unvorhergesehene Plot-Twists. Beim ersten Satz ist man voll und ganz auf Ihrer Seite. Unmöglich, denkt man mit Ihnen, was erlaubt sich diese neue Kollegin.

Doch schon im nächsten Satz wendet sich das Blatt, als Sie mit der Information herausrücken, ‚zugegebenermaßen‘ möglicherweise nicht ganz unschuldig zu sein am Eindruck, Sie wollten die Kollegin zum Essen einladen.
Schließlich erwähnen Sie noch, dass diese Kollegin und ihr Mann aus Iran sind. Sie schreiben das beiläufig, als spiele es keine große Rolle. Aber die spielt es eben doch. Ihre Kollegin ist aus einem Kulturkreis, in dem Gastfreundschaft viel wichtiger und auch selbstverständlicher ist als bei uns. Hinzu kommt, dass man mit den hiesigen Kommunikationsgepflogenheiten wohlvertraut sein müsste, um den Unterschied zwischen einer nur höflich dahingemurmelten und einer wirklich gemeinten Einladung zu verstehen. Für solche Feinheiten muss man manchmal Jahre in einem Land verbracht haben, und es klingt, als wären Ihre Kollegin und deren Mann noch nicht allzu lange hier. Zumindest mutmaßen Sie, die beiden seien womöglich noch etwas einsam.


Spätestens an dieser Stelle wird wohl jeder, der Ihre Frage liest, dasselbe denken: Es wäre so schön, wenn Sie darüber hinwegsehen könnten, dass Ihre Kollegin ein bisschen drängelt. Denken Sie nicht weiter darüber nach und laden Sie die beiden einfach ein. Es wird bestimmt ein netter Abend. Auf jeden Fall ein interessanter. Ihre Gäste werden Ihnen Dinge erzählen können, die Ihre Welt größer machen. Und wenn Sie Glück haben, revanchieren sie sich mit einer Gegeneinladung. Jeder, der schon einmal persisch bekocht wurde, kann Ihnen sagen: Darauf können Sie sich freuen!“

Süddeutsche Zeitung Magazin Nr.17 2023, 28. April 2023

 

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Tagesaktualität: Der US-Präsident hat seine Kandidatur zu einer zweiten Amtszeit verkündet. Die Experten sehen einen Wahlkampf 2024 zwischen Joe Biden und Donald Trump voraus. Bidens Siegchancen seien dann gut, denn die amerikanischen Wähler mögen Sieger, keine Verlierer und verweisen auf die Wahl 2020. Was übersehen wird: Trumps Narrativ, dass bei dem Großteil der Wählerschaft verfängt, er hätte diese Wahl nicht verloren, er, Präsident Senior Donald Trump, wäre um den Sieg betrogen worden – trotz der objektiven Tatsache des rechtmäßigen Sieges seines Kontrahenten. Aus dieser Perspektive wäre Joe Biden der „wahre“ Verlierer der Wahl 2020, prädestiniert für eine weitere, diesmal vernichtende Niederlage. Ja, vernichtend für das demokratische Staatswesen der USA – indeed!

Fazit: Erzählungen verändern auf lange Sicht ihren Sinn. Wie hier bereits früher erwähnt, leben wir in einer Umbruchzeit, was die Glaubwürdigkeit von Nachrichten, Meldungen, ja allgemein „Erzählungen“, sprich neudeutsch Narrative angeht (siehe, Eintrag vom 21. April 2023). Begriffe wie Lüge, Wahrheit bilden kein Gegensatzpaar mit eindeutiger Positionierung mehr. Allgemeine Orientierungslosigkeit, Verschwinden von Gewissheiten sind die Folgen.

Neu ist das nicht, wenn Gegenwartsgewissheit schwindet, Erzählkultur sich ändert. In einer anderen Übergangszeit, der Renaissance, der europäischen Epoche zwischen 1350 und 1620, veränderten sich die Dinge gleichsam fundamental, in der Rückschau wie immer nur einfacher erkennbar als heutzutage:

„Geschichtenerzählen, so heißt es, sei eine leichte, eine mondäne Kunst. Oft schon wurde Boccaccio (1313-1375) als Libertin bezeichnet, der die List und das Wohlleben preist, indem er scheinbar arglos zufällig aufgeschnappte Geschichten aus dem Volk erzählt, die es in sich haben. Etymologisch kommt der Begriff der ‚Novelle‘ vom lateinischen ‚novus, nova‘ und bedeutet ‚Verkündung von etwas, das sich kürzlich ereignet hat‘ oder ‚Erzählung von etwas Unerhörtem‘.

Scheinbar beiläufig und vorwiegend der Unterhaltung dienend, bietet die Novelle, die nicht zufällig in einem aufgeschlossenen und kosmologischen Händlermilieu in Florenz entstand, eine rationale, nichtkonfessionelle, ironische und grenzüberschreitende Auffassung der zeitgenössischen Realität.

Die Logik wird zum Mittelpunkt des narrativen Diskurses. Der Schriftsteller versteht sich nicht mehr als Wahrer der göttlichen Stimme, sondern als einfacher Zeuge, der hinschaut, beobachtet und berichtet. Seine Aufgabe besteht nicht so sehr im Urteilen, sondern in der Berichterstattung. Der Schriftsteller wird zum Chronisten seiner Zeit. Ein nüchterner Chronist, der die Mängel und Vorzüge der Gesellschaft, in der er lebt, hervorhebt, allein aus Freude daran, sie weiterzuverbreiten, und nicht, weil er aus einem Pflichtgefühl gegenüber den Notaren des Göttlichen mit dem Finger auf sie zeigt. Es ist nicht die Aufgabe des Schriftstellers, seine Figuren in die Hölle oder in den Himmel zu schicken. Das soll Gott schon selbst erledigen, und sollte er abwesend sein, werden sich seine Diener darum kümmern.

Was zählt, ist das Alltagswissen über die reale Welt, in die wir hineingeboren wurden. Man könnte sogar sagen, dass die Novelle aus einem Hang zur Wissenschaft entstanden ist, sofern es sich um eine Beobachtungswissenschaft handelt, die wir heute Soziologie und Anthropologie nennen würden. Ganz im Gegensatz zu dem, was noch Dante mit seinen wütenden Verurteilungen und feierlichen Absolutionen umtrieb. Doch überträgt Boccaccio, unser Dante Alighieri, mit geradezu diabolischer Weisheit das Verstehen der Welt und die psychologische Intelligenz in Sprache.“

Boccaccio, Dacia Maraini   in:     Lettre International 140 Frühjahr 2023, S.109

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