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Wenn der Mittelstand immer mehr schrumpft, die Reichen reicher, die Armen ärmer werden, von Interesse, wie es steht um den gesellschaftlichen Status der Menschen. Status repräsentiert die Position auf der „gesellschaftlichen Leiter“ und er bestimmt in der Regel das Verhalten der Leute, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist. Mehr noch, Statusdenken ist ein wichtiger Teil des Lebens, doch das Auftreten und die Entscheidungen auf Grundlage des Status werden gerne tabuisiert.

Früher gab es eine unhinterfragte und sozial akzeptierte Hierarchie. Man wurde hineingeboren in die Aristokratie, in das Bürgertum, bereits geboren als Bauer oder als Handwerker. In der Moderne haben die Menschen die Möglichkeit erkämpft, diese Struktur mit Hilfe von Talent und individuellen Fähigkeiten, außer Kraft zu setzen.

In einer demokratischen Gesellschaft, in der ein Gleichheitsideal vorgegeben wird, dieses aber prinzipiell auf Gleichheit der Grundrechte und nicht auf faktische Gleichheit bezogen auf konkrete Lebensumstände beruht, ist „Hoher Status“, bemüht, nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und nicht übermäßig auffällig zu werden.

Andererseits tritt Status aber auch mit Hilfe von Symbolen in Erscheinung, diese sind dann oft materiell bestimmt - z.B. Gegenstände wie Autos oder eine eigene Immobilie. Ein Statussymbol kann aber auch ein Verhalten sein, all dies muss für die anderen dann aber sinnlich wahrgenommen werden: Ein trommelfellplatzendes PS-Geräusch, der aus Sandalen umhauende Parfümduft, der Netzhaut blendende Schmuckbrillant, das Juckreiz verursachende Nerzfell oder das beide Tränensäcke anregende snobistische Personengehabe, Beispiele unheimlicher Begegnung dieser Art.

Dabei widersprüchlich: Ein Statussymbol muss mehr, nicht weniger geleugnet werden, Stichwort Statustabu. Wenn man ein statusträchtiges Auto hat, gleiches Beispiel, wird dieses Fortbewegungsmittel wie selbstverständlich nur als Gebrauchsgegenstand, als Mittel, nicht als Zweck, vom Besitzer in den Vordergrund gerückt. Oder sein Gebrauch, seine Verwendung - ebenso bescheiden (… damit du Bescheid weißt!) - basiere eben auf diese eine fantastische Technik oder einem Design, das perfekt zu einem passe wie das Hawaiihemd zur Bermudahose, das ambitionierte Poloshirt zu meiner Car-go-hose.

Weiteres Beispiel: Das prächtige, pfauenradgleiche Erscheinungsbild meines Selbst. Die Fliegerjacke, diese Fliegeruhr, die meine Reiselust in den sonnigen Süden mit Jetset Sonnenbrille auf der noch blassen, aber schon bald bronze-gebräunten Denkerstirn aufs Vorzüglichste unterstreicht, um im Notfall, techniküberlegend, die Überlegung, die sich noch immer auf made in germany beruft, rein symbolisch das Steuerruder in der Kanzel weiter vorne, mir zu überlassen. Dann weiter vor (Urlaubs)ort, Fortführung der teutonisch-touristischen Vorreiterrolle, insbesondere bezüglich meines Geschmacks, meines Verhaltens, meiner Manieren. Mit Posieren hat dies selbstverständlich, wenn man mich ehrlich fragen würde und ich darauf ehrlich erwidern muss bzw. ehrlich antworten darf, rein gar nichts zu tun.

Posen ist meist ein Phänomen der mir ach so fremden, aber schnell bei anderen mit Nachdruck auszumachenden neureichen Gruppe. Stammt diese doch mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem ungebildeten Umfeld, zudem einem recht kurzen und armseligen Ast des Stammbaumzweiges. Nicht mein Gestrüpp! Und die, den Parvenüs an Geschmacksverirrung gleichende Schaustellung von Protz, hat rein gar nichts mit meiner an Vorbild überreichen ästhetischen Urteilssicherheit zu tun.

Statussymbole sind jene mit reichlich Kitt versehenden Bindungen einer zur Funktion überführten Horde von Menschen hin zu einer zivilisierten Gesellschaft und leider kollateralgeschädigt durch eine Vielzahl von: maßlosen Peinlichkeiten.

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Wir haben stets die Möglichkeit und die Freiheit, die „Medaille unserer Existenz“ von der einen oder der anderen Seite zu betrachten. Wir können wählen. Dann ist es unsere Willensentscheidung, z.B. Sachen, Dinge, Menschen, Ereignisse, andere Menschen entweder positiv, negativ oder auch gleichgültig zu betrachten und zu beurteilen. So sagt die gewählte Perspektive viel über uns selbst, unsere Selbstwahrnehmung, letztendlich über unser Selbst-Bewusstsein aus.

Tempel der tausend Spiegel

In Indien gab es den Tempel der tausend Spiegel. Dieser lag hoch oben auf einem Berg und sein Anblick war gewaltig. Eines Tages erklomm ein Hund den Berg. Er lief die Stufen des Tempels hinauf und betrat den Tempel der tausend Spiegel:

Als er in den Saal mit den tausend Spiegel kam, sah er tausend Hunde. Er bekam Angst, sträubte das Nackenfell, klemmte den Schwanz zwischen die Beine, knurrte furchtbar und fletschte die Zähne. Und tausend Hunde sträubten das Nackenfell, klemmten die Schwänze zwischen die Beine, knurrten furchtbar und fletschten die Zähne. Voller Panik rannte der Hund aus dem Tempel und glaubte von nun an, dass die ganze Welt aus knurrenden, gefährlichen und bedrohlichen Hunden besteht.

Einige Zeit später kam ein anderer Hund den Berg herauf. Auch er lief die Stufen hinauf und betrat den Tempel der tausend Spiegel:

Als er in den Saal mit den tausend Spiegeln kam, sah auch er tausend andere Hunde. Er aber freute sich. Er wedelte mit dem Schwanz, sprang fröhlich hin und her und forderte die Hunde zum Spielen auf. Dieser Hund verließ den Tempel mit der Überzeugung, dass die ganze Welt aus netten, freundlichen Hunden besteht, die ihm wohl gesonnen sind.

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Der Mensch ist weder gut noch böse. Oder genauer: Er ist nicht ausschließlich das eine oder das andere. Jeder Mensch trägt beides in sich und jeder besitzt ihm eigene Anteile dieser Eigenschaften. Sind sie ihm aber eigen, dann verantwortet er sie auch. Der Mensch hat Zugriff darauf, diese rudimentär entweder beunruhigt oder ruhend in sich liegende Theligkeiten, nein Teiligkeiten, nein Anteiligkeiten, also Anteile, zu ändern, wenn er denn will, wenn er denn kann.

Von den zwei Wölfen in uns

Eines Abends erzählte ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkelsohn am Lagerfeuer von einem Kampf, der in jedem Menschen tobt. Er sagte: „Mein Sohn, der Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen.

Einer ist böse. Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego.

Der andere ist gut. Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.“

Der Enkel dachte einige Zeit über die Worte seines Großvaters nach, und fragte dann: „Welcher der beiden Wölfe gewinnt?“

Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.“

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Schaut man in die Social-Media-Plattformen, scheint folgende Aussage wie aus einer anderen Welt:

Die Wahrheit in der Kritik zu sagen, ist das Wenigste. Die Voraussetzung: es kommt darauf an, wie man sie sagt. Ich dachte, die Kritik auf eine Stufe zu bringen, wo sie eine dichterische Kunst sein kann.“

Sie stammt aus einer anderen Zeit. Gestern jährte sich der 75. Todestag des Schriftstellers und Kritikers Alfred Kerr.

Zu seiner Beerdigung verbat er sich Zeremonie und Trauerreden. Einer der größten Wortakrobaten der letzten 150 Jahren wollte, dass niemand das Wort ergreife. Wie hätte ein potenzieller Redner auch das Sprachniveau des Verstorbenen erreichen können?

„Wir Literaturmenschen und leidenschaftliche Beobachter, die wir eine halb perverse Menschengattung sind, können es nicht lassen, im Leben und an den Ereignissen vor allem die künstlerische Seite abzuschätzen.“ In dieser Reihenfolge: „Beobachten, Empfinden, Genießen, Abschätzen, Einschätzen, Beschreiben, Beurteilen!

Alfred Kerr gilt heute als der größte und wirkungsmächtigster Kritiker des 20. Jahrhunderts, sein Steckenpferd war das Theater:

Ein Verriss aus seiner Hand konnte das Ende für Literaten, Schauspieler, Intendanten und Regisseure bedeuten. Lobte er hingegen, war ein Karrieresprung gewiss. Und wie das Eingangszitat zeigt, verstand sich Alfred Kerr nicht als dienender Helfer der Kunst. Er sah sich im eigenen Schreiben als origineller Künstler.

Mittel seiner Schreibkunst waren Ironie, Kürze, Schärfe – nur keine simple Informationsvermittlung. Heinrich Heine war sein Vorbild. Immer bemüht, beim Leser in deren „Gehirne einen Blitzschlag zu erzeugen“.

Selbst die größten Geister seiner Zeit waren vor seiner spitzen Schreibfeder nicht sicher. Über Thomas Mann schrieb er: „Der Autor der Buddenbrooks ist kein Blitzdichter, sondern ein Sitzdichter. Seine Begabung wohnt im Sitzfleisch.“ Ironisch ersetzte Kerr den Titel Buddenbrook durch Bodenbruch.

Alfred Kerr war als Deutscher wie als Jude seiner selbst sicher und gewissenhaft bewusst. In die innere und äußere Unsicherheit zwang ihn die Naziherrschaft. Tochter Judith beschrieb später, wie die Familie diese Flucht aus der kindlichen Perspektive erlebte, „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

In seinen letzten Lebensjahren nahm sich Alfred Kerr (1867-1948) vermehrt in einsamer Introspektive wahr.

Im Zeitenstrom tanzt ein Atom. Hat manche Lust empfunden in 93 Traumsekunden. Bevor es in das All versank, winkst du ihm zu…. Hab dank. Hab Dank.

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Botenmeister geht in Betriebspause.

Wer in der PP (Publisher-Pause) bis einschließlich dem 10. Oktober die BB (Botenmeister-Beiträge) vermisst, hier ein gehöriger Tipp für das 5 geteilte und 5 halbwöchige Leer-Intermezzo:

Weißes Papier von „Element Of Crime“ ist ein großartiges Stück Musik.

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Ersichtlich hat dieser Blog keine Kommentarfunktion.

Paul Auster (siehe Botenmeistereintrag vom letzten Freitag) ist auch als Filmemacher bekannt. Nach Fertigstellung des Spielfilms „Smoke“ aus dem Jahr 1995, war noch weiteres Drehmaterial vorhanden. So folgte unmittelbar, plus aus Improvisation entstandenen Neuaufnahmen, „Blue in The Face“. Madonna, Michael J. Fox, Jim Jarmusch, Lou Reed waren u.a. die Mitwirkenden.

Eigenkommentare zu drei Textstellen vom 15.September:

1. Ich muss in einer Konstellation am Nachthimmel, beispielsweise Venus in Konjunktion zu Mars, keinen tiefen Lebenssinn erkennen, ihr lieben Sterndeuter und Freunde von Horoskopen und Getreue der Astrologie Gemeinde. Pure großartige Ästhetik ohne Sinnzweck für des Menschen Lebensdasein, das ist der erhabene Sternenhimmel. Alles andere ist persönlich motivierte Angabe und Wichtigtuerei.

Horoskope sind unterhaltsam. Und gegen gläubige Astrologen ist nichts einzuwenden – leben und leben lassen. Dennoch ergibt sich hier ein Bezug zu den sogenannten 3 Kränkungen der Menschheit: Nikolaus Kopernikus war es, der ein ganzes Weltbild zum Einsturz brachte. Nicht die Erde, Heimstätte der Menschheit, steht im System der Planeten in zentraler Position, es ist die Sonne. Und die Erde ist nur eines von mehreren Randobjekten in diesem System.

Charles Darwin kränkte die Menschheit, in dem er herausfand, dass der Mensch nur eine Erweiterung der Tierwelt ist und mit der zoologischen Lebenswelt einen gemeinsamen Stammbaum teilt, letztendlich nur ein verwandtschaftsverbundener Teil jeglichen Lebens ist, selbst eines Einzellers oder einer Banane.

Schließlich Sigmund Freund mit seiner Psychoanalyse, der Klassifizierung menschlicher Psyche in Ich, ÜberIch und Es: Der Mensch ist nachweislich noch nicht einmal Herr (oder Dame) seiner (ihrer) selbst im eigenen Haus.

Heliozentrismus, Evolution und die Psychoanalyse als Feindbilder menschlicher Allmachtsphantasien!

2. Für einige immer in der ersten Reihe stehende und trotzdem kaum wartungsfähige Leute könnte die Lebensunruhe mit Geduld und Spucke wenigstens in einer Reflux haltigen Reduktion gelindert werden.

„Die Stimme ist gar nicht so unsympathisch wie man denken sollte. Sie riecht nur etwas nach Hosenboden, nach Mann. Unappetitlich, aber sonst geht's. Manchmal überbrüllt er sich, dann kotzt er. Aber sonst: Nichts. Keine Spannung. Keine Höhepunkte. Kein Humor. Keine Wärme. Kein Feuer. Er sagt doch nichts als die dümmsten Banalitäten.“     Kurt Tucholsky zu den Reden Adolf Hitlers

3. In allen Lebensphasen, über den eigenen Horizont hinaus mit Würde weitblickend in die Welt den Ausblick wagen!

In der arte Mediathek kann man noch bis in den Oktober hinein die dänische TV-Serie Borgen unterhaltsam und mit Spannung bestaunen. Dort ist folgendes Zitat zu hören:

„Wer im Leben mutig gewesen ist, hat keinen Zweifel gelebt zu haben, bevor er stirbt“.

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In den Romanen des amerikanischen Autors Paul Auster spielen kaum zu glaubende Zufallserlebnisse eine wichtige Rolle. Diese sind von ihm so beschrieben, dass der Leser mitunter zweifelt, ob die Erzählungen noch ins Realitätsschema passen oder ob bereits Grenzen ins Surreale vom Autor überschritten werden.

In dem Frühwerk „Das rote Notizbuch“ hat Auster ein paar eigene und ihm von anderen Menschen zugetragene Erlebnisse dieser Art in einer Sammlung zusammengeführt. Solche Zufallsereignisse finden in meinem Leben selten statt. In der letzten Woche allerdings geschehen als Folgeerscheinung des alljährigen Stadtmarathons.

Viele habe ich im Laufe der Jahre an der Strecke als Zuschauer miterlebt. Stets um 9:00 in der Früh startend, haben sich die Zieleinläufe der besten Läufer immer um ca. 11:10 ereignet. So auch in diesem Jahr, die Siegerzeit war diesmal 2:09:07, der Einlauf des Besten um 11:09 Uhr.

Tage später bin ich meine gewohnte Rennradrunde gefahren, 50 km, im durchschnittlich sportlichen Tempo. Professionale Läufer - auch in meiner Stadt kommen diese aus Schwarzafrika - absolvieren diese Distanzen ohne Radunterstützung mit vergleichbaren Geschwindigkeiten.

Während meiner Fahrt kam mir das zurückliegende Laufereignis in den Sinn. Nach gut 10 km dann die Einbildung, so jetzt befindest du dich auf der Marathonstrecke, nicht dieselbe Strecke, aber den Zeitläufen entsprechend. Vor neun Uhr morgens gestartet, müsste ich so kurz nach 11:00 wieder zu Hause sein. Zwangsläufig an die fast identischen Geschwindigkeiten denkend, steigerte sich der Respekt vor den MarathonläuferInnen mit jedem weiteren Kilometer.

Je näher dem Rundkursende, desto sicherer war ich, auf den allerletzten Kilometern mich dann parallel mit den Führungsläufern fortzubewegen - mit nachlassender Muskel-, aber mit zunehmender Einbildungskraft. Um 11:07, vielleicht auch erst um 11:11 herum würde ich wieder vor meiner Haustür angekommen, meiner „Ziellinie“.

Kurz vor Schluss fahre ich durch eine mehr oder weniger verkehrsberuhigte Gegend. In all den Jahren bin ich dort schon einigen Joggern entgegenkommend oder überholend begegnet. Doch das kam eher selten vor. Ich hatte vielleicht noch drei Kilometer zu fahren, als auf freier Strecke und in Sichtweite ein einzelner joggender Mensch zu erkennen war.

Je näher ich kam, so deutlicher wurde die Läufersilhouette. Ich konnte schließlich erkennen, es war eine Frau und die dunklen Anteile entpuppten sich bei näherer Betrachtung nicht als Bekleidungsfarbe. Nein, es war der schwarze Hautton, den ich jetzt sah. Dass an diesem Tag im Radio auch noch ein „Zeitzeichen“ über Leni Riefenstahl ausgestrahlt wurde, die im hohen Alter einen Bildband über das schwarzafrikanische Volk der Nuba veröffentlichte – geschenkt.

Man möchte solchen Zufällen gerne einen Sinn geben. Begriffe wie Vorsehung, Fügung, Bestimmung, Schicksal seien genannt. Ich neige jedoch zu der, in dieser Situation für mich passenden und geistreichen Äußerung in Anlehnung eines Gedichtes von Kurt Schwitters: Der einzige Zufall, der geschieht, passiert immer nur dann, wenn eine Tür zufällt.

Den Zufällen einen Sinn geben, Erklärungen zu bekommen, davon verspricht sich jedes schlichte Gemüt einen Zusatznutzen an Erkenntnis: Warum(!) ich jetzt etwas tun sollte. Eine Erklärung, warum(!) ich gerade traurig oder sicher besser, glücklich bin, wie(!) ich von jetzt an glücklich werden kann – solche Dinge halt.

Nur, warum(!) in Zufällen nicht(!) einfach die Schönheit des Lebens, die Schönheit der Natur sehen? Warum(!) mich eine Musik oder ein Gemälde berührt, kann ich auch nicht(!) bis ins Letzte erklären. Ich muss in einer Konstellation am Nachthimmel, beispielsweise Venus in Konjunktion zu Mars, keinen tiefen Lebenssinn erkennen, ihr lieben Sterndeuter und Freunde von Horoskopen und Getreue der Astrologie Gemeinde. Pure großartige Ästhetik ohne Sinnzweck für des Menschen Lebensdasein, das ist der erhabene Sternenhimmel. Alles andere ist persönlich motivierte Angabe und Wichtigtuerei.

Wenn man eine Sechs würfelt, mag das Zufall sein, Fortunas Glück im Lebensspiel. Mehrmals gewürfelt, kommt die Sechs ebenfalls aufs Parkett des Lebens gerollt. Die Charakterstärke Geduld spielt im Leben immer eine zentrale Rolle und kann das Leben leichter machen. Für einige immer in der ersten Reihe stehende und trotzdem kaum wartungsfähige Leute könnte die Lebensunruhe mit Geduld und Spucke wenigstens in einer Reflux haltigen Reduktion gelindert werden.

„Das rote Notizbuch“ zeigt mir, Zufallsereignisse sind gar nicht so selten. Und das Leben ist schön! Eben nicht fürchterlich, wie einseitig miesepetrig und damit schlicht schlecht emotional aufgestellte Leute glauben möchten. Zufriedene Ausstrahlung, eine Ausstrahlung wie die Ausstrahlung der Gestirne über uns, dafür genügt allein, die Blickrichtung mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen über den eigenen Ego Tunnelrand hinweg zu heben, ob mit durchgedrücktem Rückgrat im jugendlichen Alter oder mit schräg gebeugten Schultern auf Kante im Herbst des Lebens. In allen Lebensphasen, über den eigenen Horizont hinaus mit Würde weitblickend in die Welt den Ausblick wagen! Schlicht gesagt: Einfach mal den eigenen Bauchnabel aus dem Augenaufschlag nehmen und aufhören zu jammern. Die staunenswerten Zu- und Vorfälle ergeben sich dann von ganz allein.

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Die Bedeutung der Wissenschaft wurde in der islamischen Welt bereits wesentlich früher als in Europa gesehen. Arabische Kalifen in Bagdad ließen ab dem 8. Jahrhundert ins Arabische übersetzen, was entdeckt und gefunden wurde: indische Schriften, persische Bücher, vor allem aber die Literatur der Griechen.

Einer der wirkungsmächtigsten Intellektuellen der damaligen Zeit war der Universalgelehrte al-Bīrūnī (973-1048). Eines seiner Themen: der Wert der Wissenschaft zeige sich in den zwei Kräften, die im Widerstreit lägen, Religion und Ratio, Glaube und Vernunft. Wie mit diesem Dualismus umgehen?

Ein nicht verlässlich ihm zugeschriebenes Zitat lautet denn auch: die Bewohner der Erde sind in zwei Arten geteilt, die einen haben ein Hirn aber keine Religion, die anderen haben eine Religion aber kein Hirn.

Glaube und Vernunft sah al-Bīrūnī jedoch gerade nicht im Widerstreit stehend. Nicht als unüberbrückbarer Gegensatz, sondern als notwendige Ergänzung zweier konträrer Perspektiven interpretierte er sie. So sah er sich selbst zugleich als gläubiger Muslim und als forschender Gelehrter.

Wissensarbeiter sollten sich ausschließlich in den Sphären der Wissenschaft bewegen und nur wissenschaftliche Methoden benutzen. Vor allem dürften diese nicht einfach an Dingen und Phänomenen glauben. Man müsse stets skeptisch vorgehen und den Zweifel pflegen. Im Glauben dagegen hätten Skepsis und Zweifel nichts verloren.

Obiges Zitat entsprechend, nichts verachtete al-Bīrūnī mehr als Dummheit und Dilettantismus und jene, die immer nur nach dem praktischen Nutzen der Wissenschaft fragen würden:

„Sie wissen nicht, worin der Vorzug des Menschen vor allen anderen Lebewesen besteht. Und dass dieser Vorzug gerade das Wissen schlechthin ist. Und dass der Mensch, wenn er es aufgibt, zum Verlierer wird. Sie wissen nicht, dass die Wissenschaft an sich etwas Erstrebenswertes ist und vor allem anderen wahrhaft Glück bringend.“

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Dass ein einzelnes Buch einen ganzen Zeitabschnitt begründen kann, ist kaum zu glauben. Zumal es sich um einen Text handelt, welcher jahrhundertelang als verschollen und verloren galt. Als dieser dann auftauchte, war er lange nur in wenigen Abschriften verfügbar. Dennoch half dieses Buch – Über die Natur der Dinge von Lukrez – eine neue historische Epoche zu begründen, die europäische Renaissance um das 15. Jahrhundert herum. Spätere Geistesgrößen erkannten ebenfalls die immense Bedeutung von Über die Natur der Dinge. Unter ihnen Galileo Galilei, William Shakespeare, Johann Wolfgang Goethe, Immanuel Kant, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Albert Einstein, Albert Camus, nur um einige zu nennen.

Der lebende Historiker Stephen Greenblatt widmet Lukrez‘ Text ein ganzes Sachbuch: Die Wende - Wie die Renaissance begann.  Die deutsche Prosaübersetzung von Über die Natur der Dinge zitierend - das Original hatte Lukrez in Versform verfasst -, aus dem Vorwort (auch Stephen Greenblatt):

 

„Mit seiner Kosmologie hat Lukrez nur angerissen, was aus dieser Theorie alles folgt. Das Universum, so denkt er weiter, wurde nicht um der Menschen willen geschaffen, und auch das Schicksal der menschlichen Gattung hat keine einzigartige Bedeutung. Wir sind nicht anders entstanden als alles andere in dieser Welt auch: als Resultat einer langen Folge zufälliger Experimente.

Die Lebewesen, die in diesen Experimenten entstanden sind und die sich ihrer Umwelt anpassen können, in der Lage sind, sich das notwendige Futter zu suchen und sich zu reproduzieren, werden für eine gewisse Zeit existieren, jedes nach seiner Art, bis nämlich gewandelte Umweltbedingungen oder eigenes Ungeschick und Dummheit zu ihrem Verschwinden führen. Es waren andere Arten auf der Welt, bevor wir kamen, und es werden, so unsere Welt bestehen bleibt, andere entstehen, nachdem wir längst vergangen sind.

Unsere besondere Art zu leben - unsere Fähigkeit zu sprechen, die für uns charakteristischen Strukturen von Familie und Gemeinschaft, unsere Technik - sind entstanden im Zug einer langen, langsamen Entwicklung, haben sich durch Anpassung und Erfindung, aus primitiveren Verhältnissen herausentwickelt. Doch ist diese Entwicklung kein eindeutiges Zeichen von Fortschritt: im Gegenteil. Vieles spricht dafür, dass die menschliche Gattung gefährlich selbstdestruktiv ist, vor allem in unserer Militärtechnik und in unserem aggressiven, verschwenderischen Umgang mit unserer Umwelt.

Unsere selbstdestruktiven Züge äußern sich auch, wie Lukrez dachte, in unserer Neigung, uns an Fantasien zu klammern, wie sie die Religion bieten. Erschreckt durch Donner oder Erdbeben oder Krankheiten stellen die Menschen sich gemeinhin vor, bei solchem Unheil seien Götter am Werk. Dabei ließen sich für alle diese Phänomene natürliche Ursachen ausmachen, selbst wenn wir diese, all unserem Wissen zum Trotz, bis heute nicht völlig begreifen.

Priester locken Gläubige mit Träumen ewiger Glückseligkeit im Jenseits, dem Lohn für Frömmigkeit, schrecken sie zugleich mit Visionen ewiger Strafen. Doch alle diese Bilder sind ein Gewebe von Illusionen. Denn die Seele ist, wie der Leib auch, ein materielles Gebilde, das sich mit dem Tod auflöst: Was also soll uns ein Leben nach dem Tod? Oberflächlich betrachtet ist religiöser Glaube eine Form von Hoffnung, seine untergründige psychologische Struktur aber ist ein Gebilde aus Drohung und Angst, und seine charakteristischen heiligen Rituale sind zutiefst grausam. Darum so Lukrez ist es allemal besser, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen – alles, was wir haben, ist dieses Leben im Hier und Jetzt. Besser auch, die Freuden dieses Lebens anzunehmen, entschlossen auf das Wirkliche zu blicken, auf seine Endlichkeit.“

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Wolfgang Herrndorf   12.Juni 1965 bis 26. August 2013

Dorotheenstädtischer Friedhof  Berlin   Abt. 7-2-7

 

„Ich war nie in Amerika.

Ich stand auf keiner Bergspitze.

Ich hatte nie einen Beruf.

Ich hatte nie ein Auto.

Ich bin nie fremdgegangen.

Fünf von sieben Frauen, in die ich in meinem Leben verliebt war, haben es nicht erfahren.

Ich war fast immer allein.

Die letzten 3 Jahre waren die besten.“

 

Sand      Arbeit und Struktur      Tschick     Bilder deiner großen Liebe

 

Jemand, der von der sichtbaren Welt eher wenig gesehen hatte.

Jemand, der fern von Konventionen lebte, prekär oder freiwillig.

Jemand, der liebte, in seiner Liebe oft unerkannt blieb, die Zwiesprache nicht fand und unentdeckt blieb.

Jemand: Einsamkeit in Fülle.

Jemand, der schließlich erfolgreich war, Glück spürte, sterben musste.

Nicht auf den Tod wartend, diesen am Ende selbstbestimmt zu sich holte.

Alles und noch weniger, nur kein Jedermann.

 

 

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