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Anlass ist die Abstimmung im europäischen Parlament über das Mercosur-Abkommen in der vierten Januarwoche gewesen. Und die Causa Grönland sowieso, um über das Verhältnis USA/ EU einen längeren Beitrag zu verfassen.
Die transatlantischen Beziehungen stehen an einem Punkt, den viele lange für undenkbar hielten. Was sich im ersten Jahr von Donald Trumps zweiter Amtszeit abzeichnet, ist kein gewöhnlicher diplomatischer Streit, kein vorübergehendes Missverständnis zwischen Partnern. Es ist ein tiefer, historischer Bruch. Die Vereinigten Staaten haben aufgehört, Schutzmacht und Förderer der europäischen Einigung zu sein – und entwickeln sich zunehmend zu deren aktivem Gegenspieler. Für Europa ist das keine außenpolitische Episode, sondern eine existenzielle Krise.
Der öffentliche Eklat beim Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus markierte diesen Wendepunkt mit brutaler Klarheit. Der offen ausgetragene Streit mit Donald Trump und seinem Vizepräsidenten J. D. Vance, die demonstrative Bloßstellung Kiews vor laufenden Kameras, machten deutlich: Solidarität gilt nicht mehr, wenn sie nicht unmittelbar nützt. Als die EU-Außenbeauftragte anschließend erklärte, die freie Welt brauche einen neuen Anführer, sprach daraus weniger Trotz als Orientierungslosigkeit. Europa spürt, dass der vertraute Fixstern verschwunden ist – weiß aber noch nicht, wie es ohne ihn navigieren soll.
Trumps Politik gegenüber Europa folgt einem simplen, aber wirkungsvollen Muster: Drohen, Druck ausüben, Bedingungen diktieren. Strafzölle gegen enge Verbündete, das offen artikulierte Interesse an Grönland, die Kopplung militärischer Schutzversprechen an politisches Wohlverhalten – all das sendet eine eindeutige Botschaft. Amerika betrachtet Europa nicht länger als gleichwertigen Partner, sondern als Verfügungsmasse eigener Interessen.
Dabei ist es fast nebensächlich, welche Drohungen tatsächlich umgesetzt werden. Der eigentliche Schaden liegt tiefer. Trump zerstört die stillschweigenden Grundannahmen der Nachkriegsordnung: Verlässlichkeit, Bündnistreue, die Idee, dass Macht durch Regeln gebändigt wird. Amerikanische Stärke stabilisiert nicht mehr – sie wird zum Instrument der Einschüchterung. Für Europa bedeutet das: Sicherheit ist nicht länger garantiert, sondern verhandelbar.
Zwar gab es auch früher schwere Zerwürfnisse im transatlantischen Verhältnis. Der Irakkrieg 2003 spaltete Regierungen und Gesellschaften. Doch selbst damals blieb das Fundament intakt. Die USA stellten die europäische Einigung nicht infrage, sie unterstützten sie – selbst gegen den Widerstand einzelner Hauptstädte.
Heute ist die Lage grundlegend anders. Was einst eine politische Auseinandersetzung war, ist zu einer systemischen Konfrontation geworden. Trumps Amerika zweifelt nicht nur einzelne europäische Positionen an, sondern die Existenz der Europäischen Union selbst – ideologisch, strategisch, politisch. Ein Szenario, das lange als theoretischer Albtraum galt, ist Realität geworden.
Die europäische Einigung ist ohne die Vereinigten Staaten nicht denkbar. Nach zwei Weltkriegen fanden die Europäer neue Wege des Zusammenlebens – doch sie taten es unter dem militärischen Schutzschirm und mit der politischen Rückendeckung Amerikas. Die Nato garantierte Sicherheit, die USA förderten wirtschaftliche Integration und politische Stabilität. Dieses Zusammenspiel machte das europäische „Wunder“ möglich: Jahrzehnte des Friedens, des Wohlstands, der demokratischen Konsolidierung.
Europa gewöhnte sich an diese Konstellation. Es perfektionierte Regeln, Institutionen und Verfahren – und verlernte, Macht zu organisieren. Sicherheit wurde ausgelagert. Die EU wurde ein einzigartiges politisches Projekt, allerdings eines, das unter außergewöhnlichen Bedingungen entstand und von außen stabilisiert wurde.
Mit Donald Trump endet diese historische Phase abrupt. Er betrachtet die EU nicht als Partner, sondern als Hindernis. Seine Regierung unterstützt offen nationalistische, rechtspopulistische und EU-feindliche Kräfte in Europa. In Reden, Strategiepapiere und politischer Praxis zieht sich ein roter Faden: Das bestehende Europa gilt als Fehlkonstruktion, die überwunden werden soll. J. D. Vance brachte diese Haltung auf den Punkt, als er erklärte, Europas eigentliches Problem seien nicht Russland oder China, sondern seine liberalen, pluralistischen Gesellschaften. Amerika, so die implizite Drohung, werde künftig nur noch ein Europa unterstützen, das ideologisch kompatibel ist. Das ist kein Rückzug in Isolation, sondern ein Frontalangriff.
Europa ist geübt darin, Bedrohungen von außen zu erkennen. Russland passt in dieses vertraute Raster. Doch dass der wichtigste Verbündete selbst zur Bedrohung wird, sprengt die politische Vorstellungskraft. Es handelt sich nicht um eine Wende, sondern um einen Bruch – um den Zusammenbruch eines Ordnungsmodells, das Europa über Jahrzehnte getragen hat. Trump strebt eine Rückkehr zur Machtpolitik des 19. Jahrhunderts an: Einflusssphären, Nationalismus, wirtschaftliche Erpressung, das Recht des Stärkeren. In dieser Logik ist die supranationale EU, die Nationalismus überwinden wollte, kein Partner, sondern ein Gegner.
Das europäische Dilemma zeigt sich exemplarisch in der Ostsee. Während Russland mit einer Schattenflotte Sanktionen umgeht, hält Europa penibel am Völkerrecht fest – unfähig oder unwillig, die eigenen Regeln mit Macht zu verteidigen. Die USA hingegen handeln skrupellos, wenn es ihren Interessen dient. Europa glaubt noch an Normen, während andere längst auf rohe Macht setzen. So gerät die EU zwischen zwei Fronten: einem aggressiven Russland und einem unberechenbaren Amerika. Militärisch unterausgestattet, politisch fragmentiert, mental auf Frieden programmiert.
In Brüssel ist oft von strategischer Autonomie die Rede. Doch nach Jahrzehnten der Abhängigkeit lässt sich diese nicht herbeireden. Ohne amerikanische Militärmacht bleibt Europas Verteidigung lückenhaft. Trump weiß das – und nutzt es aus. Gleichzeitig geht er davon aus, dass Amerika Europa nicht mehr braucht. Diese Asymmetrie verleiht ihm enorme Erpressungsmacht. Schon die offene Frage, ob die USA Europa im Ernstfall verteidigen würden, wirkt destabilisierend.
Langsam wächst die Einsicht, dass Beschwichtigung keine Option mehr ist. Einige europäische Entscheidungsträger fordern eine neue Haltung: klare Grenzen, glaubwürdige Abschreckung, wirtschaftliche Gegenmacht. Trump verstehe nur Kosten und Nutzen – also müsse Europa bereit sein, Kosten zu verursachen. Doch genau hier liegt das strukturelle Problem. Die EU ist auf Konsens, Recht und Ausgleich gebaut, nicht auf Konfrontation. Geschlossenheit ist möglich, aber fragil. Und Trump verfügt längst über Verbündete innerhalb Europas, die jede gemeinsame Linie untergraben.
Europa steht vor einer historischen Bewährungsprobe. Der Schutzschirm ist zur potenziellen Bedrohung geworden. Die Ordnung, auf der Frieden und Einigung beruhten, zerfällt. Aus Amerika kommt keine Rettung mehr. Europa muss lernen, in einer Welt zu bestehen, in der Macht wieder wichtiger ist als Regeln – ohne dabei seine eigene politische Identität preiszugeben. Ob dieser Balanceakt gelingt, ist offen. Sicher ist nur: Die Epoche der selbstverständlichen transatlantischen Solidarität ist vorbei. Und Europa muss einen Weg finden, diesen Bruch zu überleben.