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Æ. Ø. Å. Y.
Selbst in einer Welt, die immer wieder von Unmenschlichkeit, Hass und Gewalt geprägt ist, gibt es Menschen, die sich dem entgegenstellen. Menschen, die Brücken bauen, statt Gräben zu vertiefen, die zur Vergebung ermutigen, statt an Vergeltung festzuhalten, und die zeigen, dass Versöhnung möglich ist. Sie erinnern uns daran, dass Menschlichkeit selbst dort nicht verloren gehen muss, wo sie dringend gebraucht wird. Durch eine Radiosendung im WDR Anfang des Monats wurde ich auf Victor Gollancz aufmerksam. Seine Ein- und Ansichten unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges waren mir bis dato nicht bekannt. Jedoch für mich so beeindruckend, dass ich sie hier in aller Kürze wiedergeben möchte. Als ein Beispiel für Menschlichkeit, auch oder vor allem in weniger guten Zeiten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fordern viele Briten eine harte Bestrafung Deutschlands. Und als der britisch-jüdische Verleger und Publizist Victor Gollancz am 2. Oktober 1946 seine Reise durch die britische Besatzungszone im zerstörten Nachkriegsdeutschland antrat, so tat er dies nicht als distanzierter Beobachter. Seine Haltung sorgte für Kontroversen, machte ihn aber für viele Deutsche zu einem Symbol der Versöhnung nach dem Krieg. Der Sohn eines Juwelenhändlers und Enkel eines Rabbiners war eine einflussreiche Persönlichkeit in London, die schon vor dem Krieg unermüdlich für sozialdemokratische Ideen und gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatte.
Doch angesichts des unfassbaren Grauens der Schoa und der Ermordung von sechs Millionen Juden weigerte sich Gollancz entschieden, dem damals weit verbreiteten Reflex der Rache und der Kollektivbestrafung nachzugeben. Während viele Zeitgenossen die deutsche Bevölkerung pauschal verurteilten, setzte Gollancz ein fundamentales Zeichen der Mitmenschlichkeit und der Überwindung von Hasseinstellungen. Seine gesamte Haltung fußte auf der tiefen Weigerung, Menschen in starre feindliche Kategorien einzuteilen. Unmissverständlich brachte er diese Überzeugung auf den Punkt, als er erklärte: „Ich hasse alles, was Pro und Anti ist. Ich bin nur eins. Ich bin pro Menschheit.“
In einer Phase, in der die öffentliche Meinung in Großbritannien von der Forderung geprägt war, das deutsche Volk für die Verbrechen des Naziregimes abzustrafen, trat Gollancz dem Narrativ einer universellen Kollektivschuld mutig entgegen. Er differenzierte bewusst zwischen den Tätern des NS-Regimes und der leidenden Zivilbevölkerung. Gollancz wandte sich direkt gegen die pauschale Verurteilung: „Man sagte, Hitler ist das Böse und darum sind alle Deutschen schlecht. Alle ohne Ausnahme. Diese Lüge bin ich entgegengetreten“. Bereits in seinem Essay „Was Buchenwald wirklich bedeutet“ hatte er der britischen Öffentlichkeit den Spiegel vorgehalten und eine Mitschuld am Holocaust durch tatenloses Zusehen betont, anstatt sich in selbstgerechter Überlegenheit einzurichten. Gollancz war davon überzeugt, dass echte Wiederannäherung nur gelingen kann, wenn man dem einstigen Feind nicht mit verhärtetem Herzen, sondern mit Bereitschaft zur Differenzierung und gelebter Humanität begegnet.
Die Reise im Herbst 1946 konfrontierte Gollancz mit dem verheerenden Ausmaß des elenden Alltags im zerstörten Deutschland, das von Hunger, Kälte und Not gezeichnet war. Er sah Kinder in den Trümmern herumirren und entkräftete Menschen in überfüllten Notunterkünften vegetieren. Wo andere nur die Angehörigen der ehemaligen Kriegsgegner sahen, erblickte Gollancz schlicht leidende Mitmenschen. Seine Eindrücke hielt er in erschütternden Worten fest: „Als ich Deutschland im Jahre 1946 besuchte, habe ich viele herzzerreißende Bilder gesehen. Nichts hat mich mehr betrübt als die Kinder und Jugendlichen, die ich in den Straßen herumwandern und um den Bahnhofsbunker herumsitzen sah“. Dabei verharmloste er die Verbrechen des Regimes an keiner Stelle, trennte aber konsequent zwischen der Schuld der Täter und dem Recht jedes Menschen auf Würde. Er schrieb: „Ich werde die unsägliche Bösartigkeit der Nazis nie vergessen, aber wenn ich die aufgedunsenen Körper und die lebenden Skelette in den Krankenhäusern hier sehe, dann denke ich nicht an die Deutschen, sondern an Männer und Frauen“.
Gollancz’ Ethik der Versöhnung war kein passiver Pazifismus, sondern ein aktiver, kompromissloser Appell zur Umkehr der Verhaltensmuster. Er durchschaute, dass Vergeltung und Erniedrigung niemals zur Läuterung führen, sondern lediglich neuen Hass und Bitterkeit erzeugen. Aus dieser Einsicht heraus forderte er ein grundlegendes Umdenken der alliierten Besatzungsmächte und kritisierte menschenunwürdige Versorgungsrationen scharf. Seine tiefste Überzeugung formulierte er in dem Satz: „Die Welt kann nicht gerettet werden durch das jetzt vorherrschende selbstgerechte Beharren auf der Schuld der anderen. Nicht schlechte, sondern gute Behandlung macht Menschen gut. Misshandeln wir Menschen, die uns misshandelt haben, so erwecken wir in ihnen aufs Neue das Böse“. Gegen heftigen Widerstand und Vorwürfe in Teilen der britischen Presse rief er die Hilfskampagne „Save Europe Now“ ins Leben und erreichte schließlich die Aufhebung des Verbots für britische Hilfspakete nach Deutschland.
Für Victor Gollancz war Toleranz kein bloßes Lippenbekenntnis, sondern die Pflicht zum gelebten Beispiel. Er vertrat den Standpunkt, dass Demokratie und moralische Erneuerung nicht durch Zwang oder Härte gelehrt werden können, sondern einzig durch spürbare Güte und Großherzigkeit. „Es gibt wirklich nur eine Methode der Umerziehung von Menschen, nämlich das Beispiel, das man selber vorlebt“, lautete seine Devise. Mit der Veröffentlichung seines Buches „In Darkest Germany“, in dem er Berichte, Briefe und drastische Fotografien bündelte, mobilisierte er das Gewissen der britischen Bevölkerung und organisierte – als Jude – eine breite soziale Bewegung für christliche Nächstenliebe und humanitäre Hilfe für das besetzte Deutschland. Er stellte den kargen Erhaltungsrationen der deutschen Bevölkerung die üppigen Speisekarten der britischen Offiziersmessen gegenüber, um die Augen für das ungleiche Leid zu öffnen.
Die radikalste Ausprägung seiner Vergebungshaltung zeigte sich Jahre später, als ihm 1960 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. In seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche sparte Gollancz nicht an unbequemen Wahrheiten, trieb aber die Idee der Vergebung in eine schier unermessliche Dimension. Selbst angesichts des Quells allen Leids – Adolf Hitler – weigerte er sich, dem Hass nachzugeben. Er versuchte stattdessen, die Abgründe des Menschlichen aus einer Perspektive des Mitgefühls und der Ursachenanalyse zu begreifen. Gollancz äußerte rückblickend: „Ich erkannte, gäbe es mehr Güte und Liebe in der Welt, Hitler wäre vielleicht nicht ein Hitler geworden. Er wurde, was das Leben und die Welt aus ihm gemacht hatten“. Unter Berufung auf den Dichter William Blake fügte er hinzu: „Jeder Verbrecher war als ein Kind die fleischgewordene Freude. Ich konnte Hitler nicht hassen. Und von der Tiefe meines Herzens sage ich nun: In dieser Halle, die einst ein Gotteshaus war, möge seine gequälte Seele in Frieden ruhen“.
Diese unvergleichliche Fähigkeit zur Vergebung bewies Gollancz ebenso bei der Debatte um den Prozess gegen den NS-Organisator Adolf Eichmann in Israel, bei dem er sich konsequent gegen die Todesstrafe aussprach, weil er im staatlichen Töten nur eine Fortsetzung des Teufelskreises der Vergeltung sah. Das Vermächtnis von Victor Gollancz bleibt ein leuchtendes Mahnmal für die verbindende Kraft des Verzeihens. Wie Bundespräsident Heinrich Lüpke in seiner Laudatio hervorhob, gelang es Gollancz nach dem Krieg, die „Trägheit der Herzen“ zu überwinden und den Weg für eine echte Wiederannäherung zu ebnen. Gollancz erfand das Fundament einer friedlicheren Welt in der täglichen Praxis der Nächstenliebe und Dankbarkeit. Denn für ihn galt stets das Wort Blakes: „Dankbarkeit ist der Himmel selbst“.
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