Æ. Ø. Å. Y.

In der vergangenen Woche habe ich das Entstehen und die Fertigstellung eines Sandmandalas erlebt. Und unmittelbar danach auch seine bewusste Tilgung. Viele Stunden, an neun Tagen, hatten vier tibetische Mönche aus Ladakh mit großer Hingabe ein kunstvolles, farbenprächtiges Gebilde geschaffen. Und dann wurde es in zwei Minuten und großer Gelassenheit von Ihnen zerstört. Was eben noch in seiner ganzen Schönheit vor den Betrachtern lag, verschwand. Ein bewegender Augenblick. Man spürte etwas von der Verwandlung, aber ebenso von der Hinfälligkeit alles natürlichen Seins. Nichts bleibt, wie es ist. Alles ist im Wandel, alles ist vergänglich. Trost und Hoffnung zugleich: In jeder Veränderung, in jeder Verwandlung, selbst im Loslassen kann etwas Neues beginnen.

Ebenfalls in der Woche las ich das Buch „Hass gelernt, Liebe erfahren: Vom Islamisten zum Brückenbauer“ von Yassir Eric. Eine Lebensgeschichte, die mich auf ganz andere Weise mit dem Thema Verwandlung konfrontiert hat. Allerdings geht es hier nicht um das Vergängliche, sondern um eine radikale Veränderung des Denkens, Fühlens und Glaubens. Es ist die Geschichte eines Menschen, der aus tiefstem Hass zu einer Haltung der Liebe und Versöhnung gefunden hat.

Yassir Eric wächst im Sudan in einer muslimisch-fundamentalistischen Familie auf. Bereits mit acht Jahren wird er von seinem Vater Tausende Kilometer weit in eine Koranschule gebracht und dort zurückgelassen. Ein traumatischer Einschnitt, der seine Kindheit prägt. Die religiöse Indoktrination tut ihr Übriges. Der junge Yassir wird radikalisiert. Christen betrachtet er als Feinde. Als ein christlicher Mitschüler in seine Klasse kommt, lauert er ihm gemeinsam mit anderen nachts auf. Sie stechen mit Bajonetten auf ihn ein und lassen ihn schwer verletzt zurück. Rückblickend findet Eric dafür erschütternde Worte: „Hass ist wie ein Gift.“

Doch irgendwann beginnt dieses Gift seine Wirkung zu verlieren. Ausgerechnet sein Lieblingsonkel, ein Geheimdienstmitarbeiter, der selbst Christen verfolgt hatte, konvertiert zum Christentum. Yassir erlebt einen Menschen, dessen radikale Veränderung ihn zum Nachdenken bringt. Hinzu kommt die Heilung seines schwer kranken Cousins, für den koptische Christen gebetet haben. Er beginnt, heimlich in der Bibel zu lesen. Besonders die Person Jesu fasziniert ihn. Was bisher undenkbar war, wird zu einer inneren Gewissheit: Er möchte Christ werden.

Er weiß allerdings, was diese Entscheidung bedeutet. „Es gibt kein Zurück. Und du befindest dich auf einer Reise, die sehr herausfordernd und sehr problematisch wird.“ Tatsächlich verstößt ihn seine Familie. Seine Eltern erklären ihn symbolisch für tot und „beerdigen“ ihn. In einer Gesellschaft, in der die Familie alles bedeutet, verliert er damit seine gesamte bisherige Lebensgrundlage.

Auch die Folgen seiner Konversion sind dramatisch. Er wird verhaftet und landet in einem berüchtigten Foltergefängnis in Khartum, dem sogenannten „Geisterhaus“. In einer dunklen Zelle, von der Außenwelt abgeschnitten, erlebt er Verzweiflung und Zweifel. War seine Entscheidung richtig? Warum tut er sich das an? Doch gerade in dieser Dunkelheit findet er Halt: „Ich habe Gott gespürt, seine Gegenwart auch in dieser dunklen Zelle.“

Nach sieben Wochen wird er freigelassen und verlässt den Sudan. Seine Reise führt ihn schließlich nach Deutschland. Er heiratet eine deutsche Krankenschwester, mit der er inzwischen drei Kinder hat. Gemeinsam widmen sie ihr Leben der Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen. Sie entwickeln Gottesdienstformen, produzieren arabischsprachige Radio- und Fernsehprogramme und besuchen Menschen in Ländern, in denen Christen häufig verfolgt werden.

Besonders bewegend ist eine Begegnung, die sich wie ein Wunder ausnimmt: Auf einer christlichen Konferenz trifft Yassir Eric den Mann wieder, den er beinahe drei Jahrzehnte zuvor als Mitschüler schwer misshandelt hatte. Der Mann hat überlebt, ist körperlich gezeichnet und kann nur noch eingeschränkt sehen. Eric erkennt ihn zunächst nicht. Doch dann geschieht das eigentlich Unfassbare: Der ehemalige Mitschüler vergibt ihm.

Für Eric ist diese Begegnung fundamental. Die Erinnerung an seine Schuld lässt ihn nicht los: „Oft kommen diese Schuldgefühle und da sucht man nach Worten, um sich zu entschuldigen. Man findet keine Worte. Es sind die schrecklichsten Tage.“ Nicht nur selbst Vergebung erfahren zu haben, sondern einem Menschen gegenüberzustehen, dem man unermessliches Leid zugefügt hat, und von ihm Vergebung geschenkt zu bekommen, kommt jedoch auch dem Himmel gleich.

Heute ist Yassir Eric anglikanischer Bischof und Brückenbauer zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion. Mit seiner Frau unterstützt er durch den Verein Ekkios Menschen, die zum Christentum übergetreten sind, und hilft ihnen, Gemeinden aufzubauen.

Seine Haltung ist dabei kritisch gegenüber religiösem Extremismus. Er unterscheidet sehr deutlich zwischen dem einzelnen Menschen und einer Ideologie, die Gewalt rechtfertigt: „Ich habe kein Problem mit einem Moslem. Aber wenn eine Gruppe anfängt, zu sagen, es gibt nur einen Glauben, es gibt nur eine Richtung, und man nutzt Gewalt, um das zu rechtfertigen. Das sind Grenzen, die man nicht überschreiten sollte.“

Eine offene Wund bleibt: Seit mehr als 35 Jahren hat er seine Eltern und Schwestern nicht mehr gesehen. Eine Versöhnung erscheint nahezu unmöglich. Aber seine Hoffnung hat er nicht aufgegeben: „Das braucht wirklich ein Wunder Gottes. Allerdings, ich hoffe immer ja sehr!“

Wenn ich an das Sandmandala zurückdenke, und an seine Schönheit, die nur für einen begrenzten Augenblick Bestand hatte, erscheint mir Yassir Erics Lebensgeschichte wie ein Gegenbild und zugleich wie eine Ergänzung. Das Mandala lehrt uns, loszulassen und die Vergänglichkeit anzunehmen. Yassir Eric zeigt uns, dass auch ein Mensch sich grundlegend verwandeln kann. Hass sollte nie das letzte Wort sein. Dass Schuld nicht zwangsläufig das Ende bedeutet und dass Vergebung Wege öffnen kann, die zuvor unvorstellbar waren.

Verwandlung beginnt dort, wo wir bereit sind, das Alte loszulassen. Manchmal geschieht sie still und beinahe unmerklich, unter Schmerzen und gegen alle Widerstände. Und es braucht tatsächlich ein Wunder. Doch solange Hoffnung, Liebe und die Bereitschaft zur Versöhnung lebendig bleiben, ist keine Verwandlung zu fürchten.

Ændr Øjeblikket Åben Ydmyghed