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Æ. Ø. Å. Y.
Lange Zeit hielt ich Geduld für eine Eigenschaft, die man entweder besitzt oder eben nicht. Manche Menschen schienen von Natur aus gelassen zu sein, während andere bereits unruhig wurden, wenn die Ampel nicht schnell genug wie ein Springteufel auf grün wechselte. Warten war für mich selten eine Tugend, sondern eher eine Zumutung. Dinge sollten geklärt, Entscheidungen getroffen, Probleme gelöst und möglichst schnell wieder Kontrolle über das eigene Leben gewonnen werden.
Erst das Erkennen von Situationen, die sich weder beschleunigen noch verhandeln und schon gar nicht einfach lösen lassen, hat diesen Blick verändert. Plötzlich wurde deutlich, dass Geduld etwas anderes ist. Sie bedeutet nicht, dass man gerne wartet. Sie bedeutet auch nicht, dass Angst, Wut oder Ungeduld verschwinden. Geduld bedeutet vielmehr, diese Gefühle auszuhalten, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.
Ab nun bestand für mich ein Zusammenhang zwischen dem Phänomen der Geduld und dem philosophischen Prinzip des Amor fati. Die „Liebe zum Schicksal“ klingt zunächst wie eine ziemlich radikale Forderung. Alles anzunehmen, was das Leben vor die Füße legt, das Schöne ebenso wie das Unangenehme, ist leicht gesagt und schwer gelebt. Seine Bedeutung erschließt sich erst dann, wenn das Leben mit Situationen konfrontiert wird, in denen sich nichts erzwingen lässt. Dann bleibt nur die Möglichkeit, die Gegenwart anzunehmen. Nicht weil sie einem gefällt, sondern weil sie schlicht vorhanden ist.
Auch eine schwere Erkrankung verändert den Blick auf den Verlauf der Zeit. Geduld wird einem dann nicht mehr an der Supermarktkasse abverlangt, sondern an Tagen, an denen einem ständig übel ist, an denen man sich übergeben muss und nicht weiß, wie der nächste Morgen aussehen wird. Man wartet auf Untersuchungen, auf Ergebnisse, auf Gespräche und auf Antworten, die möglichst schnell Klarheit schaffen sollen. Gleichzeitig zeigt sich, dass auch das persönliche Umfeld nicht immer so reagiert, wie man es sich in einer solchen Situation gewünscht hätte. Menschen sind beschäftigt, überfordert, hilflos oder schlicht nicht in der Lage, das zu geben, was ich gerade brauche.
Ich habe verstanden, dass Geduld nicht bedeutet, eine schwierige Situation plötzlich gut zu finden. Sie bedeutet zunächst einmal, anzuerkennen, dass sie da ist. Das klingt nüchtern und beinahe selbstverständlich, ist in der Realität aber eine anspruchsvolle Übung. Gerade dann, wenn der eigene Körper nicht mehr so funktioniert, wie man es gewohnt ist, wenn Antworten ausbleiben und die Zukunft unscharf wird, wächst der Wunsch nach Kontrolle. Man möchte endlich wissen, was los ist, wie es weitergeht und wann dieser Zustand vorüber sein wird.
Doch manche Antworten kommen nicht schneller, nur weil man sie dringender braucht. Ungeduld ist dabei keineswegs der Feind. Sie ist zunächst ein Signal. Sie zeigt, dass etwas wichtig ist und dass eine Veränderung herbeigeführt werden soll. Wenn tatsächlich Einfluss genommen werden kann, ist diese Unruhe sogar hilfreich. Sie bringt einem dazu, anzurufen, nachzufragen, Entscheidungen zu treffen oder eine Sache nicht einfach laufen zu lassen. Problematisch wird die Ungeduld dort, wo gegen etwas angekämpft wird, das sich durch den eigenen Willen nicht verändern lässt.
Besonders deutlich wird das beim Warten, ja auch beim Altern. Da kann es einen auch schon schütteln. Aus den Wörtern „warten“ und „altern“ lässt sich nebenbei ein hervorragender Schüttelreim bilden: Wenn ich auf der Bank des Lebens hier warte, sehen andere mich auf alle Arten. Und wenn wir auf der Friedhofs Bank so altern, müssen wir Muttererden Reichs am Schluß verwalten.
Nun denn. Wer zweieinhalb Stunden im Stau steht, macht die Straße nicht leerer, indem er sich darüber ärgert. Im Gegenteil. Der Körper geht in Alarmbereitschaft, der Fuß wippt, die Finger trommeln und der Blick wandert immer wieder zur Uhr. Irgendwann besteht ein großer Teil des Erlebnisses nicht mehr aus dem Stau selbst, sondern aus dem eigenen Widerstand gegen den Stau.
Früher hätte mich eine solche Situation vor allem aufgeregt. Heute gelingt es häufiger, einen Schritt zurückzutreten und mich zu fragen, ob sich an der Situation überhaupt etwas verändern lässt. Wenn die Antwort Nein lautet, bleibt eine andere Entscheidung: Wie viel meiner Energie möchte ich noch darauf verwenden, mich gegen etwas zu wehren, das ohnehin nicht nach meinem Willen funktioniert?
Wie gesagt, die Straße wird dadurch nicht leerer. Aber der innere Zustand kann sich verändern. Geduld ist deshalb nicht das Gegenteil von Handeln. Sie ist vielmehr die Fähigkeit zu erkennen, wann Handeln sinnvoll ist und wann es nur noch Widerstand produziert. Dieser Unterschied wird häufig übersehen. Probleme sollen gelöst, Antworten erzwungen und Entwicklungen beschleunigt werden, obwohl manches schlicht seine eigene Zeit braucht.
Es kann auch helfen, eine Situation neu zu bewerten. Fünf Minuten an einer Supermarktkasse erscheinen weniger dramatisch, wenn man sich vor Augen führt, wie viel Zeit und Aufwand es für einen Menschen, sagen wir, vor zweihundert Jahren bedeutet hätte, Lebensmittel zu beschaffen. Die Schlange bleibt dieselbe, die fünf Minuten verschwinden nicht, aber ihre Bedeutung verändert sich. Und mit der Bewertung verändert sich auch das Gefühl.
Noch wichtiger ist die Frage, wofür eigentlich gewartet wird. Wenn das Warten einen Sinn bekommt, fühlt es sich weniger wie verlorene Zeit an. Dann wartet man nicht einfach auf etwas, sondern befindet sich auf dem Weg zu etwas. Das kann eine medizinische Antwort sein, eine Entscheidung, eine Veränderung oder manchmal auch nur die Hoffnung, dass ein schwieriger Abschnitt irgendwann vorübergeht.
Diese Haltung verändert auch den Blick auf andere Menschen. Geduld braucht es schließlich nicht nur in Krisen, sondern ebenso in Beziehungen. Der Abwasch ist wieder nicht gemacht, eine gemeinsame Aufgabe dauert länger als erwartet oder jemand vergisst etwas, das für den anderen selbstverständlich war. Aus solchen Kleinigkeiten kann schnell ein Ärger entstehen, der mit der eigentlichen Sache kaum noch etwas zu tun hat. Zwischen der Enttäuschung und der eigenen Reaktion einen Moment Platz zu lassen, kann dann den entscheidenden Unterschied machen.
Geduld bedeutet dabei nicht, dass ich alles hinzunehmen habe. Sie ist weder Gleichgültigkeit noch eine Einladung, sich alles gefallen zu lassen. Im Gegenteil. Manchmal ist es gerade die Geduld, die ein vernünftiges Gespräch überhaupt erst möglich macht. Wer nicht sofort aus der Haut fährt, kann ein Problem ansprechen, ohne den anderen Menschen gleichzeitig in die Defensive zu treiben. Das ich das dennoch gerne hin und wieder möchte, steht auf einem anderen Blatt.
Auch im Umgang mit mir selbst ist diese Erkenntnis wichtig. Am schwierigsten ist wahrscheinlich diese Selbstgeduld. Die eigenen Maßstäbe sind oft besonders streng. Man müsste etwas längst können, hätte anders reagieren müssen oder dürfte denselben Fehler nicht schon wieder machen. Hinter solchen Gedanken steckt häufig die Vorstellung, die eigenen Gefühle, das eigene Verhalten und die eigene Entwicklung vollständig kontrollieren zu können.
Diese Vorstellung musste ich ebenfalls korrigieren. Niemand ist jederzeit Herr über seine Gedanken und Gefühle. Nicht jede Reaktion lässt sich vorhersehen oder verhindern. Das bedeutet nicht, dass keine Verantwortung für das eigene Verhalten besteht. Es bedeutet vielmehr, sich selbst als nicht perfekten Menschen anzuerkennen.
Der Trost dabei: In meiner frühen Entwicklung wurde ich, mein Gehirn, die Schaltzentrale meines Tun & Handelns, von anderen, meist den Eltern, „programmiert“; nicht von mir. Ich trage zwar die Folgen und damit die Verantwortung für mein Tun in meinem weiteren Leben, doch der abgeschlossene Vorgang der Fremdprogrammierung ist „auf Teufel komm’ raus“ hinzunehmen. Was denn sonst. Amor fati! Außerdem gilt, dass die Selbstgeduld dort beginnt, wo die ständige Bestrafung für die eigene Unvollkommenheit aufhört.
Geduldig zu sein, gelingt mir allerdings nicht in allen Lebensbereichen gleich gut. Nur weil es gelungen ist, im Stau gelassen zu bleiben, bedeutet das noch lange nicht, dass ein berufliches Problem von mir mit derselben Ruhe betrachtet werden kann. Jede Situation hat ihre eigenen Auslöser. Bei einer chronischen Erkrankung ist vor allem Akzeptanz gefragt, während bei einem beeinflussbaren Arbeitsprojekt aktives Handeln notwendig sein kann. Geduld bedeutet also nicht, überall gleich zu reagieren. Sie verlangt vielmehr ein Gespür dafür, was eine Situation tatsächlich braucht.
Wenn die Ungeduld wieder größer wird, helfen drei einfache Schritte. Zunächst gilt es, wahrzunehmen, was gerade geschieht, und es zu benennen. Da ist Ungeduld, Wut, Angst oder schlicht der Wunsch, dass etwas endlich vorangeht. Allein diese Feststellung schafft bereits etwas Abstand. Danach lohnt sich ein Perspektivwechsel. Vielleicht ist das, was gerade wie verlorene Zeit erscheint, lediglich ein Abschnitt in einem größeren Prozess. Schließlich stellt sich die Frage, was eigentlich wichtig ist und warum es sich lohnt, darauf zu warten.
Das klingt einfach, aber das Leben ist selten einfach. Geduld lässt sich nicht wie ein Lichtschalter an und ausschalten. Sie wächst langsam, manchmal unbemerkt und häufig gerade dann, wenn man glaubt, keinen weiteren Tag mehr warten zu können.
Amor fati bedeutet nicht, alles „lieben“ zu müssen, was einem widerfährt. Eine Krankheit muss nicht „geliebt“, ein Verlust nicht schön geredet und eine Enttäuschung nicht willkommen geheißen werden. Es genügt zunächst, die Kraft nicht mehr darauf zu verwenden, gegen die Tatsache anzukämpfen, dass etwas bereits geschehen ist. Es geht darum, anzuerkennen, dass es jetzt so ist, wie es ist, und von diesem Punkt aus weiterzukommen.
Rückblickend entsteht bei mir sogar eine gewisse Dankbarkeit. Nicht für alles, was passiert ist, und schon gar nicht für die schwierigen Erfahrungen selbst. Dankbarkeit entsteht vielmehr für das, was ich daraus gelernt habe. Nicht jede Situation lässt sich kontrollieren. Beeinflussbar bleibt jedoch die Art und Weise, wie ihr begegnet wird. Meine Freiheit, die am Ende bleibt. Nicht darüber bestimmen zu können, was das Leben bringt, aber darüber entscheiden zu können, wie ich dem Leben begegne. Nimm es an!
Ændr Øjeblikket Åben Ydmyghed