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Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.

Es sind die „kleinen“ Länder in Europa, die am innovativsten die Zukunft gestalten. Beispiel Dänemark: Das Stadtbild in den Kommunen vorbildlich, was Architektur oder auch Verkehrsführung betrifft. Auch im Bereich digitale Transformation ist Dänemark seinem südlichen Nachbarn voraus. So gibt es zum Beispiel, die Blitzscheidung auf digitalem Knopfdruck. Gegen übereilte Reaktionen im zwischenmenschlichen Bereich, spontanen Emotionen geschuldet, helfen bestimmte nachvollziehbare Voraussetzungen für so eine wichtige Lebensentscheidung per Mausklick.

Möglichkeiten, ja, wenn der Router nicht ausfällt. Was in Deutschland recht häufig passiert. Nahezu ein Monopol auf dieses WLAN Schnittstellen Gerät hat die Marke FRITZ!. Es gibt die FRITZ! WLAN-App. Sie misst recht einfach, recht schnell und bisher auch recht zuverlässig, von mir allerdings bisher unhinterfragt, die Effizienz der Datenübertragung.

Deutschland auf der Überholspur, auf der Autobahn! Auch auf der Datenautobahn? Deutschland will digitaler werden, Bürokratie abbauen und den Bürger entlasten. Der Bürger bockt, die Wirtschaft stockt, der Staat schockt: Jetzt im Angebot die staatliche WLAN-App, mit dem zugehörigen App-Handbuch, welches exakt erklärt, wie der Bürger WLAN- und Mobilfunkgeschwindigkeit korrekt zu messen hat: In fünf Tagen, mit Pausen, bitte im Freien und ohne Handyhülle! Willkommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Datenprotokoll kann jetzt von jedermann aktenkundig angelegt und dokumentiert werden. Da ist er gerüstet für den zukünftigen Rechtsstreit mit dem in der Warteschleife verharrenden Mobilfunkanbieter.

Wenn das Internet mal wieder langsamer ist als das Versprechen „bis zu 300 Mbit/s“, dann ist das ab sofort kein Problem. Dann ist das eine Aufgabe. Genauer gesagt, eine Messkampagne. Nicht etwa ein schneller Test, nein, sondern eine mehrtägige Feldstudie, die irgendwo zwischen wissenschaftlicher Erhebung und Selbstfindungstrip angesiedelt ist.

Für die zuständige staatliche Behörde, der Bundesnetzagentur ist diese staatliche App nun das universelle Symbol für Fortschritt. Doch bevor man sie nutzt, heißt es, sich Zeit zu nehmen. Dieses Bundesamt, dem digitale Bundesministerium nachgeordnet, bietet dazu eine zehnseitige Handreichung, deren erster Satz sich stilistisch an großen deutschen Romanen, Beispiel und voller Sinngebung „Der Zauberberg“, orientiert. Wer sie verstanden hat, hat entweder Jura studiert, zu lange Zeit seines Lebens unfreiwillig in Gerichtssälen verbracht oder schon vor dem ersten Tastenklick aufgegeben.

Hat man sich durchgearbeitet, beginnt das eigentliche Abenteuer. Gemessen wird nicht irgendwann, sondern systematisch: bis zu fünf Tage, jeweils mehrere Messungen täglich. Sechs Stück sind erlaubt, nicht fünf, nicht sieben. Zwischen der dritten und vierten Messung liegt eine meditative Pause von mindestens drei Stunden. Zeit genug, um über den Sinn der Digitalisierung nachzudenken.

Wichtig ist auch der Ort. Innenräume sind tabu, denn Wände könnten das Ergebnis verfälschen. Wer also wissen möchte, warum das WLAN im Wohnzimmer schwächelt, sollte sich besser vor die Tür stellen. Im Regen. Oder im Januar. Hauptsache, die Messung ist rechtssicher. Autos und Züge sind ebenfalls ungeeignet, denn sie wirken wie Abschirmkäfige. Das Smartphone wiederum muss entkleidet werden: Hülle ab. Parallel darf nichts passieren. Kein Download, kein Anruf, keine Ablenkung. Ich werde zum stillen Beobachter meines eigenen Datenflusses. Und wehe, man schafft die Messungen nicht innerhalb von 14 Tagen. Dann heißt es: Neustart. Von vorn. Vielleicht mit mehr Disziplin. Oder mehr Freizeit.

Hat man schließlich alle Anforderungen erfüllt, alle Messungen dokumentiert und sich nicht von Wind, Wetter oder Alltagsleben abbringen lassen, wartet die Belohnung: Die Erkenntnis, vielleicht war alles gar nicht so schlimm. Denn „ausreichend“ bedeutet nicht etwa, dass die versprochene Leistung erreicht wird. Es genügt, wenn ein Bruchteil davon ankommt. Je nach Region zwischen zehn und 25 Prozent. Willkommen in der Welt der relativen Geschwindigkeit. Und falls doch ein Mangel festgestellt wird? Dann darf ich mich an den Anbieter meines Vertrauens und Laufzeitvertrages wenden. Der prüft dann (parteiisch!) den Fall. Kulanzangebot? Vielleicht.

Deutschland arbeitet also intensiv an seiner digitalen Zukunft. Man kann meinen wie auf einer Intensivstation: am Limit und kurz vorm Abnippeln. Das passt, auch eine elektronische Patientenakte soll unter die Leute gebracht werden. Zu hoffen, dass die Menschen bei der Einrichtung nicht krank werden! Verwaltungsvorgänge werden vereinfacht, und irgendwo entsteht bestimmt gerade die nächste Schock-App, die alles leichter macht, vorausgesetzt, ich nutze sie korrekt, unter freiem Himmel und mit ausreichend Zeit.

Das alles ist kein verspäteter April Scherz. Nur ein typisch deutscher Freudentanz ganz am Ende im April. Und sicherlich auch am Ende der europäischen Fahnenstange. Kalenderkorrekt und Datensicher: Nicht am 1. Mai!

Der Rest ist Schweigen.