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Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben.

Bildung galt einmal als Aufstiegschance. Heute gilt sie zunehmend als Kommunikationshindernis. Wer zu präzise formuliert, zu viele Nebensätze benutzt oder gar Wörter verwendet, die mehr als drei Silben besitzen, gerät schnell unter Generalverdacht: elitär, kompliziert, schwer zugänglich. Die moderne Öffentlichkeit liebt die Vereinfachung – und zwar mit einer Leidenschaft, die beinahe religiöse Züge trägt. Man möchte „die Menschen erreichen“, am liebsten missionieren. Möglichst alle. Möglichst sofort. Möglichst ohne Bibel und ohne Wörterbuch. Aber mit Wörterbruch.

Vor einiger Zeit lief in den Radionachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – also in jenen Medien, die sich selbst noch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit betrachten – ein Beitrag über die Notwendigkeit, Sprache stärker zu vereinfachen. Nachrichtenmacher, so hieß es, müssten „niedrigschwelliger“ kommunizieren. Ein Wort übrigens, das man vermutlich demnächst ebenfalls in „einfacher Sprache“ erklären muss.

Schon heute bieten Nachrichtensender Beiträge in „einfacher Sprache“ an. Lange dachte ich, dieses Angebot richte sich vor allem an Menschen mit tatsächlichen kognitiven Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten. Heute scheint sich die Zielgruppe erheblich erweitert zu haben. Offenbar gilt inzwischen bereits der durchschnittliche Zeitungsleser als eine sprachlich gefährdete Art.

Natürlich möchte man niemanden ausschließen. Das klingt zunächst edel, humanistisch und sozial verantwortlich. Doch manchmal beschleicht einen der Verdacht, dass hier nicht Inklusion betrieben wird, sondern Kapitulation. Denn die Forderung nach sprachlicher Vereinfachung hat längst eine bemerkenswerte Nebenwirkung: Sie entlastet den Leser von der Zumutung, sich selbst bilden zu müssen.

Das ist eine faszinierende kulturelle Entwicklung. Jahrhunderte lang galt Bildung als etwas Erstrebenswertes. Menschen arbeiteten sich durch Goethe, Schiller, Thomas Mann oder eben durch den barocken Wahnsinn eines Grimmelshausen. Heute hingegen entsteht bisweilen der Eindruck, als müsse sich die gesamte Sprache dem niedrigsten gemeinsamen Verständnisniveau anpassen. Aus Rücksichtnahme versteht sich.

Dabei kann Vereinfachung die Dinge erstaunlicherweise komplizierter machen. Ich erinnere mich an die sprachliche Verrenkung, Menschen nicht mehr als „behindert“, sondern als „Menschen mit beeinträchtigtem Handicap“ zu bezeichnen. Eine sprachliche Gymnastikübung, bei der man hoffen muss, dass wenigstens noch jemand weiß, dass ein Handi-cap keine Handy-Hülle ist. Gut gemeint ist eben nicht automatisch gut gemacht.

Besonders eindrucksvoll wurde dies in dem erwähnten Radiobeitrag am Beispiel des Wortes „Teilhabeverfahren“. Dieses Wort werde heute von vielen Menschen nicht mehr verstanden, hieß es dort besorgt. Nun könnte man natürlich fragen, warum das so ist. Doch diese Frage scheint inzwischen als ungeziemtes Benehmen zu gelten. Stattdessen wird das Wort vereinfacht. Nicht die Bildung gestärkt, sondern die Sprache amputiert.

Auch in meinem erwerbstätigen Umfeld werde ich regelmäßig aufgefordert, „einfacher“ zu schreiben. Das geschieht meist mit freundlichem Lächeln und pädagogisch warmer Stimme. Man wolle schließlich „alle mitnehmen“. Hinter dieser edlen Formulierung verbirgt sich allerdings nicht selten ein recht profaner Vorgang: Menschen möchten ungern zugeben, dass ihnen sprachliche Präzision fremd geworden ist. Und weil man in einer zivilisierten Gesellschaft Neid, Unsicherheit, eigenes Unvermögen nicht offen ausspricht, erklärt man komplexe Sprache kurzerhand zum gesellschaftlichen Problem.

Besonders ironisch dabei: Gerade jene Menschen, die permanent Toleranz und Vielfalt beschwören, zeigen oft eine bemerkenswerte Intoleranz gegenüber sprachlicher Differenzierung. Vielfalt ja. Aber bitte nur im Denken innerhalb eines Wortschatzes von etwa 161 Begriffen bis 1161 Buchstaben.

Dabei war Sprache immer auch ein Aufstiegsmittel. Ich selbst habe als Schüler Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens „Der abenteuerliche Simplicissimus“ gehasst. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil ich schlicht nichts verstand. Das Deutsch des 17. Jahrhunderts erschien mir wie eine Mischung aus Hexenspruch und Steuerformular, simpel daran lediglich der Buchtitel. Jahre später las ich die moderne Übertragung von Reinhard Kaiser. Und plötzlich eröffnete sich mir eines der großartigsten Werke deutscher Literatur. Der entscheidende Punkt dabei ist jedoch: Die Übersetzung war eine Brücke zur Bildung, kein Ersatz für sie.

Genau darin liegt der Unterschied, den unsere Gegenwart zunehmend vergisst. Vereinfachung kann sinnvoll sein, wenn sie Menschen den Zugang zu anspruchsvollen Inhalten ermöglicht. Problematisch wird sie dort, wo sie den Anspruch selbst abschafft.

Diese Frage berührt weit mehr als bloße Sprachästhetik. Kürzlich las ich einen Artikel darüber, wie man eine Gesellschaft gegen radikale politische Strömungen immunisieren könne. Holocaustüberlebende wie Margot Friedländer, Elly Gotz, Ernst Grube, Charlotte Knobloch, Eva Szepesi, Eva Umlauf und Leon Weintraub wurden nicht nur nach ihren Erinnerungen befragt, sondern nach ihren Empfehlungen für die Zukunft. Die Antworten waren bemerkenswert schlicht, allerdings nicht simpel.

Alle betonten die Bedeutung von Bildung, Literatur, Werten und kultureller Erziehung. Elly Gotz etwa empfahl nicht mehr Moralappelle oder zusätzliche Empörungskampagnen in sozialen Netzwerken, sondern klassische Literatur. Menschlichkeit lerne man in den großen Romanen der Weltliteratur, nicht auf TikTok zwischen Tanzvideo und Katzenfilter.

Das ist ein Gedanke von beinahe revolutionärer Kraft in einer Zeit, in der man glaubt, Demokratie lasse sich hauptsächlich durch Hashtags, Brandmauern und pädagogische Sprachregelungen retten.

Vielleicht liegt die eigentliche Verteidigung der Demokratie tatsächlich viel tiefer. In der Fähigkeit eines Menschen, komplex zu denken, Ambivalenzen auszuhalten, Geschichte zu verstehen und Sprache präzise zu verwenden. Wer nie gelernt hat, einen anspruchsvollen Text zu lesen, wird irgendwann auch Schwierigkeiten haben, komplexe politische Zusammenhänge zu begreifen. Wo Sprache verarmt, verkümmert oft auch das Denken.

Und vielleicht sollten wir deshalb vorsichtig sein mit der ständigen Forderung nach „einfacher Sprache“. Denn eine Gesellschaft, die jedes schwierige Wort beseitigt, beseitigt irgendwann auch die Fähigkeit, Schwieriges überhaupt noch zu denken. Am Ende wäre das dann tatsächlich sehr simpel.

Der Rest ist Schweigen.